•  (LEFTERIS PITARAKIS)

Abwarten und Tee trinken

Der Lira-Kurs befindet sich auf einer Achterbahnfahrt. Das spüren auch hiesige Firmen, die mit der Türkei jährlich einen Umsatz von rund 50 Millionen Franken generieren. Erste ziehen daraus bereits Konsequenzen.

Das hart ersparte Geld auf der Bank ist nichts mehr wert, Alltagsgegenstände kosten plötzlich immens viel mehr und die Börse spielt verrückt. Das ist momentan Realität – denn die türkische Lira ist auf Talfahrt.
Doch was bedeutet der Währungsverfall für Firmen in der Umgebung, die bis anhin Handel mit dem Land  betrieben haben? Denn die Türkei als Handelspartner darf nicht unterschätzt werden: So machen zum Beispiel rund die Hälfte der 30 Mitglieder der Liechtensteinischen Industrie- und Handelskammer (LIHK) Geschäfte in der Türkei. Diese Unternehmen generieren dort einen Auslandsumsatz von rund 50 Millionen Franken. «Dies entspricht knapp ein Prozent des gesamten Auslandsumsatzes der Industrieunternehmen», relativiert LIHK-Geschäftsführer Josef Beck. Drei hiesige Industriebetriebe haben auch Niederlassungen in der Türkei und beschäftigen insgesamt über 400 Mitarbeiter.

Türkischer Markt: Klein aber fein
 Eine Firma, die in den letzten Jahren die türkische Marktpräsenz verstärkt hat, ist die Hilti: «Die Türkei ist ein wichtiger Markt innerhalb unserer Osteuropa-Geschäftsregion und wir sind dort mit einer eigenen Marktorganisation tätig», erklärt Mediensprecher Matthias Hassler. Durch die massive Währungsabwertung würden sich Hilti-Produkte in der Türkei nun verteuern. Trotz Preisanpassungen entstehe für die Hilti ein negativer Währungseffekt. Konsequenzen würden vorerst aber keine gezogen: «Wir beobachten die weitere Entwicklung in der Türkei sehr aufmerksam. Ein Rückzug aus der Türkei steht nicht zur Debatte», so Hassler. Ebenfalls betroffen von der Währungskrise und dem damit verbundenen Preisanstieg ist der Vorarlberger Sessellifthersteller Doppelmayr. «Uns sind die Beziehungen zur Türkei wichtig, da wir viele langjährige Kunden vor Ort haben und mit einer Niederlassung vertreten sind», erklärt der Doppelmayr-Mediensprecher. Da der Währungszerfall ebenfalls die Preise erhöht, werde aktiv nach Lösungen gesucht, um die Kunden zu unterstützen.

Für den Heerbrugger Industrieunternehmer SFS hat der Währungsverfall hingegen zunächst positive Auswirkungen: Denn der Schraubenhersteller hat einen Produktionsstandort in der Türkei. «Rund ein Drittel der dortigen Produktion wird an weitere SFS-Standorte ausserhalb der Türkei exportiert», erklärt Mediensprecherin Yvonne Geiling. Dieser erwirtschaftet allerdings mit einem jährlichen Umsatz im tiefen zweistelligen Bereich nur einen kleinen Anteil am Gesamtumsatz der SFS Group.«Solche schwierigen und ungewissen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bringen aber grundsätzlich eher negative Folgen mit sich», erklärt Geiling weiter. Einige Firmen konnten – etwa die Stäubli AG – «aus Gründen des Geschäftsgeheimnisses» keine Stellung zum Thema nehmen.

Neukunden müssen vorauszahlen
Nur wenige der angefragten Firmen wiederum ziehen aufgrund der Währungskrise direkt Konsequenzen. Anders die Bartholet Maschinenbau AG: «Die Türkei war bis anhin ein wichtiger Partner, wir realisieren aktuell vier Anlagen in der Türkei», erklärt die Mediensprecherin Manuela Jäger. Jedoch würde die Bartholet AG eine Kompensation von der türkischen Regierung erwarten. Zudem: «Zukünftige Aufträge in Lira werden wir nicht mehr realisieren.» Denn werden die Projekte in türkischer Lira vergütet, verliert die Firma entsprechend des Wechselkurses Geld. «Einzig ein kleiner Anteil können wir direkt in der Türkei investieren», so Jäger weiter.

Für die Eschner Listemann AG und deren CEO Manfred Boretius ist die Türkei als Absatzmarkt von untergeordneter Bedeutung. «Das liegt aber nicht daran, dass dieses Land für uns kein Potential hat, sondern vielmehr in der seit längerem beobachteten politischen Situation. Für uns ist die Türkei, nach westlichen Massstäben gemessen, kein Rechtsstaat mehr», so Boretius. Dies verhindere ein stärkeres Engagement seitens der Listemann AG. Die bestehenden Kundenbeziehungen würden nicht abgebrochen werden, jedoch  würden Neukunden nicht aktiv beworben und nur nach Vorauszahlung bedient. Aufgrund des Kurszerfalls würden auch bestehende Kunden zunehmend Schwierigkeiten haben, sich die Dienstleistungen und die hochstehende Technologie leisten zu können. «Wir beobachten die Situation genau. Das Auftragsvolumen der bestehenden Kunde ist für uns, selbst bei einem Komplettausfall, ein kleines Risiko und würde uns finanziell nur gering belasten», so Boretius. Doch laut dem CEO fusst das Problem anderswo: «Ich sehe viel grössere Gefahr in der ‹Ansteckungsgefahr› auf andere Regionen und die Finanzmärkte allgemein.» Hier könne sich etwas hochschaukeln und politisch wie auch wirtschaftlich zu extremen Unsicherheiten und Verwerfungen führen.

Tourismus im Aufschwung
Dass die türkische Krise auch andere Märkte infiziert, befürchten wohl viele Unternehmen. Eine Branche die sich derweil weniger sorgen muss ist der Tourismus in der Türkei. «Für die aktuelle Sommersaison sehen wir, dass die Türkei mit aktuell 25 Prozent im Plus gegenüber dem Vorjahr markant aufholt», so Prisca Huguenin-dit-Lenoir, Mediensprecherin von Hotelplan. Jedoch sei dies auf einem tiefen Niveau, da vergangenes Jahr die Buchungen sehr rückläufig waren. Der Kurszerfall der türkischen Lira hat jedoch weder für Kunden noch für Hotelplan als Reiseveranstalter einen Einfluss, da die Verträge mit türkischen Leistungsträgern in Euro sind. Einzig die Kunden vor Ort können derzeit beim Shopping oder beim Drink in der Bar von günstigeren Preisen profitieren. (rr)

17. Aug 2018 / 17:46
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