• SCHWEIZ HANSRUEDI KOENG
    Gebührenerhöhung, Stellenabbau, schrumpfende Gewinne und eine Razzia. Der Postfinance-CEO Hansruedi Köng hat eine turbulente Zeit hinter sich. Auch für das zweite Quartal seien weitere Gewinnrückgänge zu erwarten.  (Keystone)

Hansruedi Köng: «Wir stehen um hunderte Millionen schlechter da»

Die Gebührenerhöhung der Postfinance vergraulte fast 70 000 Kunden und das in einer Zeit, in der das Geschäftsmodell der Bank unter Druck gerät. CEO Hansruedi Köng spricht über den Stellenabbau, den Big-Brother-Award und die Kritik an den Salären der Geschäftsleitung.
Umbruch. 

Herr Köng, Medienberichten zufolge haben Kunden per Jahresende 306 000 Konten aufgrund der höheren Gebühren aufgelöst. War Postfinance zu forsch bzw. ist zu hoch mit ihren Gebühren eingestiegen?
Hansruedi Köng: Es gab in der Tat Saldierungen von Kundenkonten. Postfinance verzeichnet aber generell sehr viel Zu- und Abgänge. So wurden im fraglichen Zeitraum auch 50 000 neue Kundenbeziehungen er­öffnet. Ich will aber nicht verhehlen, dass rund 130 000 Kundenbeziehungen saldiert wurden – da­von schätzungsweise 70 000 als Folge dieser Gebührenerhöhungen. Wir haben mit einer solchen Reaktion gerechnet und entsprechend glaube ich nicht, dass wir zu forsch vorgegangen sind. Auch in Hinblick auf unsere Konkurrenten lässt sich feststellen, dass sie die Gebühren tendenziell eher erhöhen. Angesichts dessen ist es normal, dass Kunden mit mehreren Bankenbeziehungen – was bei vielen Kunden der Fall ist – konsolidieren.

Die Kontoführungsgebühren von manchen Schweizer Banken sind deutlich tiefer. Die SGKB verlangt für ein Sparguthaben von 5000 Franken nur 30 Franken an Gebühren im Jahr, die Postfinance 60. Wie ging die Bank bei der Preisfindung vor?
Postfinance hat den Anspruch, ein faires Preis-Leistungsverhältnis zu finden und daran orientierte sich auch das Pricing. Wir blicken natürlich auf den Markt, wie die Gesamtkonstellation aussieht. Bei unabhängigen Preisvergleichen wollen wir mit unseren Dienstleistungen für einen Durchschnittskunden, der über ein Konto verfügt, den Zahlungsverkehr darüber abwickelt und eine Debit- oder Kreditkarte besitzt, immer unter den günstigen Banken sein.

Sparer haben es gerade nicht leicht. Denkt die Postfinance darüber nach, die Negativzinsen den Kleinsparern weiterzugeben aufgrund der Entscheidung der EZB?
Unsere Kunden, die Liquidität von mehr als einer halben Million Franken auf ihrem Spar- oder Zahlungsverkehrskonto aufweisen, bezahlen bereits heute eine Guthabengebühr von einem Prozent. Ich gehe jedoch nicht davon aus, dass wir den Kleinsparer belangen werden. Wie dies aber in drei Jahren aussehen wird, wissen wir heute noch nicht.

Die Banken leiden unter den Negativzinsen. Der Gewinn der Postfinance hat sich im vergangenen Jahr mehr als halbiert, Stellen wurden abgebaut. Können Sie angesichts dessen die Kritik verstehen, dass die Saläre der Geschäftsleitung zuletzt erhöht wurden?
Die Vergütungen der Geschäftsleitung werden vom Verwaltungsrat festgelegt. Ich bin deshalb die falsche Person, um dies zu kritisieren oder zu verteidigen. Ich kann aber sagen, dass ich kein schlechtes Gewissen habe und nach wie vor gut schlafe.

Sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen aufgrund der Tatsache, dass die Postfinance keine Kredite und Hypotheken vergeben darf, Schuld an den schlechten Zahlen
Sie sind sicher Schuld daran, dass unsere Zinsmarge signifikant schlechter ist als jene von anderen Banken. Die Negativzinsen betreffen zwar alle Banken. Das Ausmass, wie Postfinance darunter leidet, ist aber wesentlich stärker als bei anderen Instituten. Die Gesamtzinsmarge der Kantonalbanken liegt bei circa einem Prozent. Im Vergleich dazu lag diese bei Postfinance im ersten Halbjahr bei 53 Basispunkten. Wenn man dies hochrechnet auf eine Bilanzsumme von über 100 Milliarden Franken, dann wird der komparative Nachteil deutlich. Wir sprechen hier von hunderten Millionen Franken, um die wir schlechter dastehen als eine vergleichbare Bank, die Kredite und Hypotheken vergeben darf. Deswegen lautet meine Antwort: Ja, die ­gesetzlichen Restriktionen sind massgeblich verantwortlich für unsere Situation.

Hätte ein Stellenabbau von 500 Vollzeitstellen verhindert werden können, wenn die Postfinance über eine volle Banklizenz verfügen würde?
Vielleicht hätten wir die Gebührenerhöhungen verhindern können beziehungsweise die Notwendigkeit dafür wäre kleiner gewesen. Effizienzsteigerungen und der Umbau des Personalkörpers sind aber unabhängig der gesetzlichen Rahmenbedingungen nötig, weil das Bankgeschäft grossen Trends wie der Digitalisierung unterworfen ist. Bestehende Arbeiten fallen weg, gleichzeitig entstehen aber auch neue Job­profile.

Die Postfinance hat eine Digitalisierungsstrategie gestartet inklusive der Migration auf eine neue Banken-IT. Was war das grösste Learning für Sie in diesem Prozess?
Die Relevanz dieses Digitalisierungsprozesses wird alleine aufgrund der Marktentwicklungen deutlich sichtbar. Dazu gehören Neobanken, Fintech-Start-ups und zum Beispiel die neue digitale Währung Libra von Facebook. Wenn wir über neue Geschäftsmodelle sprechen, dann ist sicher ein Learning, dass diese das wegbrechende Zinsgeschäft nicht unmittelbar ersetzen können. Neue Geschäftsmodelle sind nicht nur komplex und investitionsintensiv, sie brauchen auch viel Zeit. Das zeigt sich auch an unserer Hypotheken-Vermittlungsplattform Valuu, die zwar sofort viel Traffic generieren konnte, aber noch längst nicht profitabel ist. Es ist also nicht so, dass ein alternatives Geschäft von Himmel fällt, das die rückläufigen Gewinne 1:1 kompensieren kann.

Wie viel hat die Postfinance in digitale Geschäftsmodelle wie Valuu bereits investiert?
Das ist nicht einfach zu beziffern. Digitalisierung ist ein grosses Feld und ein markanter Prozentsatz unseres gesamten Projektvolumens fliesst in Digitalisierungsprogramme. Wir haben zum Beispiel in die Automatisierung von Backoffice-Prozessen investiert oder ein neues Login-Verfahren für E-Finance lanciert, das auf Gesichtserkennung und Fingerprint basiert.

Gibt es eine konkrete Strategie zur Ertragsmechanik der neuen Geschäftsmodelle bzw. wie lautet die Formel, wie viel Geld die Postfinance damit verdienen möchte?
Natürlich möglichst viel. Mitte des Jahres konnten wir nur noch 46 Prozent mit dem Zinsengeschäft erwirtschaften. Wenn wir dies wieder mit den Kantonalbanken vergleichen, dann liegt deren Prozentsatz deutlich höher, durchschnittlich bei vielleicht 70 oder 75 Prozent. Den wegbrechenden Zinsertrag mit den neuen Geschäftsmodellen zu kompensieren, wäre zwar das Ziel. Das schaffen wir aber kurz- und mittelfristig nicht und deshalb gehen die Gewinne zurück.

Vorerst liegt die Hoffnung also auf der Teilrevision des Postorganisationsgesetzes. Der Bundesrat hat sich dafür ausgesprochen. Wann erwarten Sie, dass dies umgesetzt wird und woran hakt es bisher?
Der Bundesrat hat Anfang September 2018 einen Revision des Gesetzes in Auftrag gegeben. In der Zwischenzeit hat das zuständige Department mit Simonetta Sommaruga eine neue Leiterin bekommen und die Einarbeitung in ein solches Dossier braucht natürlich Zeit. Eine genaue Prognose kann ich deshalb nicht abgeben. Ich hoffe aber, dass die Vernehmlassungsvorlage noch vor Ende Jahr vorliegt. Denn der Auftrag des Bunderats ist klar: Das Kreditvergabeverbot soll eliminiert werden.

Im Moment kann die Postfinance keine Kredite vergeben. Stattdessen hat sie die – von Ihnen bereits erwähnte – Vergleichsplattform Valuu gegründet und ist ins Versicherungsgeschäft eingestiegen. Gibt es dafür genug Synergien oder lenkt dies nur vom Kerngeschäft ab?
Im Moment sind das sicher noch Ergänzungsgeschäfte. Wir haben aber nach wie vor eine sehr grosse Kundenbasis von 2,5 Millionen Privatkunden, die auch Versicherungskunden sind. Im digitalisierten Markt können wir hier sicher eine Rolle spielen. Wir müssen noch die Resultate abwarten, aber die ersten Schritte, digital Motofahrzeugversicherungen anzubieten, sind erfolgsversprechend. Wichtig ist für uns ausserdem das Anlagegeschäft. Im Verlauf des Jahres 2020 kommen wir hier mit einer neuen online-gestützten Anlagelösung auf den Markt. Diese werden auch eine elektronische Vermögensverwaltung – also einen Roboadvisor – umfassen wird.

Die Universität Zürich hat gerade ihre Big-Brother-Awards verliehen, und zwar allen voran an die Postfinance, da sie Stimmprofile ihrer Kunden anlegt ohne ihre explizite Zustimmung. Wie reagieren Sie auf eine solche Kritik?
Mit einem Schmunzeln. Uns ist wichtiger, wie die Kunden reagieren. Und der grösste Teil unserer Kunden steht dem positiv gegenüber. Einen Anrufer anhand seiner Stimme authentifizieren zu können, ist ein grosser Vorteil. Gleichzeitig unterstützt das System die Sicherheit. Ich möchte aber nicht verschweigen, dass es natürlich auch Kosten spart. 250 000 Anrufe gehen bei uns jeden Monat ein. Wenn man diese Zahl multipliziert mit durchschnittlich vielleicht 30 Sekunden für die Authentifizierung, dann lässt sich erahnen, wie viel Zeit wir einsparen können. Zeit, die wir lieber in Beratungsgespräche mit unseren Kunden investieren, anstatt ihnen lästige Fragen zu stellen.

Vom Stellenabbau sind bei der Postfinance vor allem Kundenberater betroffen. An deren Stelle tritt eine Call-Center-Lösung. Braucht es in Zukunft überhaupt noch Kundenberater?
Ja, ich denke es wird auch in Zukunft noch Kundenberater und eine gewisse physische Präsenz brauchen. Der Charakter der Beratung wird sich aber ändern, und zwar hin zur Unterstützung, dass die Kunden zum Beispiel Online-Dienstleistungen selbst nutzen können. Für grosse Anlageentscheidungen wird Beratung auch künftig noch gefragt sein, für einfache Fondsverkäufe dagegen eher nicht mehr. Und vergessen wir nicht das Firmenkundengeschäft, wo eine professionelle Beratung zentral ist.

«Banking is necessary, banks are not»: Lösen Smartphone-Banken die klassischen bald ab?
Bei einer gewissen Kundenschicht kann das durchaus der Fall sein. Für eine breitere und tiefere Bankbeziehung braucht es aber auch in Zukunft ein menschliches Interface. (dal)

 

21. Sep 2019 / 05:00
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