• Marcel Ritter, Mauren
    Der 42-jährige Marcel Ritter aus Mauren war schon mit 18 sein eigener Chef – er war einer der Gründer der Online-Marketingagentur Sitewalk.  (Tatjana Schnalzger)

Von der Entwicklung einer Anti-App

Quo – das ist die App von Marcel Ritter aus Mauren. Sie steht für eine neue Art des Reisens steht und funktioniert auch offline. Die Privatsphäre des Nutzers steht an erster Stelle. Die Geschichte einer App, die nicht böse sein will.

Marcel, was machst du gerade? Die typischste aller Facebook-Fragen muss Marcel Ritter nicht mehr beantworten. Er hat sein Facebook-Konto gelöscht. Doch in seinem Umfeld tauchte die Frage in den vergangenen zwölf Monaten regelmässig auf – und sie war ihm lange unangenehm.

Selbst enge Freunde wussten nur, dass der 42-Jährige an etwas tüftelt, an «irgendwas mit einer App». Es habe nicht absichtlich ein grosses Geheimnis darum machen wollen, sagt der 42-Jährige. «Ich wusste einfach selber nicht, wie ich mein Projekt in Worte fassen soll.» 

Ritter hat die Reise-App «Quo» entwi­ckelt. Der Name lehnt sich an die lateinische Phrase «Quo vadis?» an. Die App soll anders sein als alle anderen; eine Antithese zum Angebot von Giganten wie Google Maps, Tripadvisor oder Instagram. Kurz: nicht weniger als eine Alternative zu den ganz Grossen. 

Die Initialzündung
Es war auf dem Landeanflug auf Havanna. Im Reiseführer von Lonely Planet strich Ritter ganz altmodisch mit dem Bleistift an, wohin er in der Hauptstadt Kubas überall hinwollte: Restaurants, Sehenswürdigkeiten, Museen. Als er all das in der Karte einzeichnen wollte, merkte er: Es ist mühsam, in einem Reiseführer ständig zwischen Textteil und Karte hin und her blättern zu müssen. Zudem war die Karte zu wenig detailliert. Die Idee war geboren: Reisende sollten ihre Ziele ganz einfach in eine App eintragen können – in eine Karte, die auch etwas taugt. Und die App sollte präsentieren, was es am Reiseziel alles zu entdecken gibt.

- Herr Ritter, dafür gibt es doch schon Google Maps.
- Ja. 
- Warum sollte man denn Ihre App  benutzen?
- Google Maps ist zu voll. 
- Mehr ist mehr, oder?

- Ich finde nicht. Der Inhalt ist völlig verwässert.
- Verwässert?
- Bei den unzähligen Punkten auf den herkömmlichen Karten weiss man als Reisender letztlich doch nicht, was man machen soll. 

Marcel Ritter, Mauren

Marcel Ritter: «Ich will das Besondere und die Geheimtipps.»

Der Unterschied
Auf den ersten Blick bietet Quo nichts anderes als Google Maps oder andere Karten-Apps. Es gibt ein Symbol für Hotels, ein Symbol für Restaurants, ein Symbol für Sehenswürdigkeiten. Doch die Punkte auf der Karte sind handver­lesen – drauf soll nur, was einen Mehrwert bringt. «Es gibt Inhalt, der reinkommt, und Inhalt, der nicht reinkommt», sagt Ritter. Er wolle Qualität bieten, anstatt den Nutzer mit Infor­mationen zu erschlagen. Er wolle das Be­sondere und die Geheimtipps. 

Der Inhalt
Klickt man auf Ritters App auf einen Punkt, erscheint ein kurzer Text. Anders als bei Google Maps wird einem kein Inhalt vorgesetzt, der von anderen Nutzern generiert wurde. «Alles soll durch einen journalistischen Filter», sagt Ritter. Er wolle – ganz atypisch in der heutigen Zeit – die Dinge wieder in Worte fassen. Diese Worte sollen von Experten kommen – kuratierte Inhalte also. Der Entwickler denkt dabei etwa an Reisejournalisten oder Reisende, die er persönlich kennt und «die wissen, wovon sie reden». Im Vordergrund stehen Texte, nicht Bilder – zu jedem Punkt gibt es nur ein Foto, dafür ein authentisches. Quasi das Gegenteil von Instagram.  

- Herr Ritter, haben Sie etwas gegen Instagram?
Nein. 
- Dann kann ich mich ja auch dort über mein Reiseziel informieren.
Wer gekaufte, gefakte und mit Photoshop bearbeitete Bilder sehen will, kann das ja tun, ja.
- Haben Sie etwas gegen Influencer?
Sagen wir es so: Niemand sollte andere Menschen hauptberuflich beeinflussen.
- Eine harte Aussage.
Inhalten auf Social Media traue ich einfach nicht.

Der Mensch
Ritter trägt eine rote Trainerjacke, Jeans, Turnschuhe. Im kalifornischen Menlo Park oder in Cupertino würde er in der Masse der hippen IT-ler nicht auffallen. Doch ansonsten schreit in der spartanisch eingerichteten 4,5-Zimmer-Wohnung in Mauren, die er zu seinem Büro umfunktioniert hat, so gar nichts nach Silicon Valley. An der Wand im «Kreativzimmer», wie der dreifache Vater es nennt, hängen Kinderzeichnungen. Im eigentlichen Büro sind es seine eigenen Zeichnungen: Smartphone-Bildschirme, auf denen Ritter aufgemalt hat, was seine App alles zeigen soll. «Am Anfang habe ich stapelweise Papier produziert», sagt er, und: «Ich habe die App in erster Linie für mich selbst gemacht.» Ritter reist oft, gerne auch alleine. «Man ist dann so wach, so frei.» 

Marcel Ritter, Mauren

«Ich habe die App in erster Linie für mich selbst gemacht.»

Das Geschäftsmodell
Oberste Prämisse bei Quo ist die Privat­sphäre. Es werden keine Daten gesammelt, es gibt keine Werbung. Dafür zahlt der  Nutzer: Ein Monatsabo kostet 4 Franken, man kann aber auch ein Jahresabo kaufen. «Wir liefern, du zahlst dafür – ich finde, das ist das ehrlichste Geschäftsmodell der Welt», sagt Ritter. Die Abonnenten sollen so wenig wie nötig und nicht so viel wie möglich von sich preisgeben. Ritter will sich klar von den gängigen Modellen der Online-Kolosse wie Google oder Facebook distanzieren – Modelle, die dazu da sind, den Nutzer «ständig zu triggern und zu pushen», wie er sagt. In diese Maschinerie wolle er nicht hineinkommen.

- Herr Ritter, warum hassen Sie Google? 
Ich hasse Google nicht. 
- Sondern?
Ich fühle mich einfach nicht mehr wohl damit.
- Warum?
Wer will schon 30 Sekunden nach dem Restaurantbesuch eine Push-Nachricht von Google Maps erhalten, wie es einem gefallen hat?
- Ist Google böse?
Einst lautete das inoffizielle Google-Motto: «Don’t be evil». Das hat der Konzern sang- und klanglos untergehen lassen.

Das Offline-Prinzip
Neben «privacy first», wie Ritter es passend zum gängigen IT-Slang formuliert, gilt bei seiner App auch «offline first». Will heissen: Reisende können sie auch nutzen, wenn keine Datenverbindung da ist. Die App hat eine riesigen Datenbank im Hintergrund und zieht die Daten runter, die der Reisende gerade braucht. Die Daten – das sind einerseits die Punkte auf der Karte, die Ritter liefert, und andererseits die Karte selber. Der beste Kartenlieferant wäre – «ironischerweise», wie Ritter sagt – Google. Der Entwickler setzt aber aufgrund seiner Vorbehalte auf einen alternativen Lieferanten, der Offline-Karten anbietet. So kann der Nutzer, der die App während der Reise offline nutzen will, im Vorfeld definieren, welchen Teil der Weltkarte er braucht. Dann kann die App die benötigten Informationen hinaufladen. «Der Offline-Modus kommt so auch denjenigen entgegen, die nicht wollen, dass ihre Reise-App im Ausland die ganze Zeit Daten saugt», so Ritter. 

Die Lernkurve
Der Entwickler hat die App selbst programmiert – und wollte während der letzten zwölf Monate den Bettel mehr als einmal hinschmeissen. «Darum habe ich ein Projekt gewählt, das mich persönlich total juckt», sagt Ritter, «sonst wäre ich wohl nicht so lange drangeblieben.» Bis vor einem Jahr hat er, ausser im Gymnasium und während des Studiums, keine einzige Zeile Code selbst geschrieben; er musste sich das Programmieren selber beibringen. Schnell habe er «irgendein Gewurstel» zusammengebracht, das sogar «irgendwie gelaufen» sei. Nachdem er seine App während der eigenen Sommerferien getestet hatte, warf er nochmals alles über den Haufen, schrieb und designte alles komplett neu. 

- Herr Ritter, warum haben Sie nicht einfach einen Programmierer in Indien angestellt?
Das hätte ich tun können. Es wäre sicher schneller gegangen.
- Warum haben Sie es denn nicht getan?
Ich wusste am Anfang ja selber nicht genau, was ich will. Mit einem externen Programmierer hätte es nur ein Durcheinander gegeben. 
- So hatten Sie selber das Durcheinander. 
Ja. Programmieren zu lernen, war intellektuell gesehen etwas vom Schwierigsten, das ich je zu bewältigen hatte.
- Und jetzt?
Jetzt macht es Spass.

Der Sprung
Ganz neu in der IT-Branche ist Ritter nicht. Er war einer der Gründer der Online-Marketing-Agentur Sitewalk, mit 18 war er bereits selbstständiger Unternehmer. 20 Jahre später war die Luft draussen. Der Wunsch, sich zu verändern, liess sich nicht mehr verdrängen. «Alle sahen das, nur ich selber fand 1000 Gründe, im gemachten Nest zu bleiben.» Schliesslich war es ein Coach, der den Ausschlag für den grossen Sprung gab. Er schickte ihn nach Thailand, um fernab des Gewohnten eine Entscheidung zu treffen. Innerhalb von drei Wochen, in einer kleinen Holzhütte, wo es ausser dem Bett nur einen Schreibtisch gab, habe er den «Lupf» dann geschafft. Vom Ausland aus teilte er seinem Geschäftspartner mit, dass er aus dem Unternehmen aussteigen wolle. Kaum zu Hause, mietete er ein Wohnmobil, fuhr mit der Familie nach Südspanien und regelte den Rest. «Hätte ich nur ein Mal wieder einen Fuss in meine Firma gesetzt, hätte ich den Absprung wohl nicht geschafft.»

Das Team 
Heute will Ritter vor allem eines: frei sein. Als er anfangs an seiner Idee herumdokterte, dachte er, es brauche ein 10-Millionen-Investment, um sie umzusetzen. Schnell wurde ihm aber klar: «Ich will kein Venture Capital, keine Investoren, keinen finanziellen Druck.» Sein Unternehmen sollte so klein wie möglich bleiben; trotzdem sei es schon das Ziel, «irgendwann ein Team beieinander zu haben». Die Vision des 42-Jährigen war aber keine Firmenstruktur, wie er sie bisher kannte, und auch kein Start-up, wo 16-Stunden-Tage Standard sind. Eher denkt er an ein Remote-Team, also an Mitarbeiter, die irgendwo auf der Welt sein können.

Der Start
Nach der ganzen Entwicklungsarbeit konnte Ritter kurz vor Weihnachten den buchstäblichen Knopf drücken – den­jenigen, der seine App dem Prüfungs­gremium des App Store unterbreitet. Sie wurde gutgeheissen; jetzt kann sie jeder iPhone-Besitzer herunterladen. Für Android-Smartphones ist die App Mitte 2020 verfügbar. Den Startschuss macht Ritter vorerst mit einer Karte von Liechtenstein und einigen weiteren ausgewählten Destinationen auf der Welt. Nun will er schrittweise ausbauen: Wird qualitativ hochstehender Content entdeckt, wird er auf die App geladen. «Vielleicht kann ich bald einen Partner gewinnen, der mir gute Inhalte liefert», so Ritter. Dann könne es mit dem Wachstum plötzlich zackig gehen. 

- Herr Ritter, hat die Welt auf Ihre App gewartet? 
Nein. Solche Illusionen mache ich mir nicht. Der schwierige Teil beginnt erst jetzt.
- Was denn?
Die App bekannt zu machen, sie zu vermarkten. 
- Sind Sie trotzdem optimistisch?
Ja. Meine App ermöglicht eine neue Art des Reisens. Dafür gibt es eine wachsende Zielgruppe. 
- Wovon träumen Sie?
Irgendwann so viele Abonnenten zu haben, damit ich jemanden bezahlen kann, der für die App um die Welt reist. 
- Wie sieht Ihr Plan aus?
Planen ist raten.

(vb)

13. Jan 2020 / 10:54
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