• Von Vaduz aus wird eines der grössten Schweizer Sexportale betrieben.
    Von Vaduz aus wird eines der grössten Schweizer Sexportale betrieben.

Sexportal «made in Vaduz»

Von Vaduz aus wird seit 2016 mit «6navi.ch» eines der grössten Schweizer Sexportale betrieben. Firmeninhaber Marco Block sieht darin einen Beitrag zur Entkriminalisierung der Prostitution. Andere Sex-Plattformen stehen aber massiv in der Kritik, weil Frauen erniedrigt werden.

Die Digitalisierung wandelt sämtliche Arbeitsbereiche, und dazu zählt längst auch die Sexarbeit. 
Das lukrative Geschäft mit Sexinseraten ist in den vergangenen Jahren rasant vom Print in den Online-Bereich abgewandert. «Diese Form der Werbung ersetzt seit Längerem die Inserate in den Printmedien, wo kaum mehr welche zu finden sind», erklärt Susanne Gresser von Maria Magdalena, einer Beratungsstelle aus St. Gallen für Frauen im Sexgewerbe. 


Entstanden sind digitale Frauenbörsen wie beispielsweise «sexy-tipp.to» oder «ao-forum.ch», worauf die Prostituierten ihre Fotos, Preise und Praktiken anbieten. Freier nutzen im Gegenzug die Plattformen, um Preise miteinander zu vergleichen und auf Chatforen Prostituierte zu bewerten. Aber mit teilweise prekären Folgen: Denn jeder hat auch die Möglichkeit, erniedrigende Beiträge zu den Frauen online zu hinterlassen, die echten Namen und die Wohnorte der Prostituierten zu nennen. Fotos von den Frauen werden in einigen Fällen auch nach mehreren Jahren nicht entfernt. Ein Impressum mit Angaben zu Betreibern fehlt auf beiden Homepages, Kritik und Beschwerden können nur an ominöse Mailserver wie «Sonnenkinder.org» oder «Kaffeeschluerfer.com» verschickt werden, ohne Antwort erwarten zu dürfen. 

Einige fürchten um Doppelleben
Dagegen regt sich in der Schweiz nun Widerstand: Strafanzeigen gegen die beiden Portale sind laut dem Schweizer Erotikportal «liebeszimmer.ch» in Vorbereitung. Lelia Hunziger, Geschäftsführerin der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration, sagt: «Verleumdung, Hetze, Beleidigungen und Ehrverletzungen sind online allgegenwärtig. In der gesellschaftlich hochstigmatisierten Sexarbeit kommt ein weiteres Element dazu: Frauen befürchten, dass ihr Doppelleben auffliegt. Ein Doppelleben, das sie führen müssen, damit das Zusammenleben mit ihren Nachbarn, den Lehrpersonen der Kinder und dem nächsten Umfeld gelingt.»
Die Plattform mache aufgrund des Rating-Mechanismus die Frau zu einem bewertbaren Objekt, ohne sich darum zu scheren, was dies für die einzelne Frau bedeute. Es interessiere niemanden, weder die Freier noch die Plattform-Betreiber, dass sie die Frauen damit in Gefahr bringen könnten, wenn sie zum Beispiel ihren Wohnort oder falsche Aussagen über sie und die von ihnen angebotenen Sexpraktiken publizieren würden. Die Betreiber machten es sich auch zu Nutze, dass die Frauen wegen ihrer stigmatisierten Tätigkeit wenige Möglichkeiten hätten, sich zu wehren. Plattformen wie «sexy-tipp.to» verdienten ihr Geld auf dem Buckel der Frauen und böten durch Anonymisierung Hand für digitale Verbrechen. Deshalb brauche es mehr Sicherheit und Anerkennung für Sexarbeitende und bessere Möglichkeiten, solche folgenschweren, verachtenden Ratings und Kommentare im Netz zu sanktionieren. Auch Susanne Gresser sagt klar: «Sexarbeitende zu erniedrigen - das geht gar nicht!» Doch wer verbirgt sich hinter diesen Portalen?  

«6navi.ch» gehört zur IT Result AG
Die Konsumenten- und Beratungszeitschrift «Beobachter» deckte vor Kurzem auf: «Betrieben wird das Sexportal ‹sexy-tipp.to› von einem Schweizer Geschäftsmann, der sich Carlos nennt. Die Spur führt ins liechtensteinische Vaduz zur Firma IT Result AG. Sie vermittelt gegen eine Gebühr Inserate an diese Seite. Firmenbesitzer ist Marco Block.» Die Zeitschrift mutmasst weiter, dass Block enger mit dem Portal verflochten sein könnte, als er selber zugebe: Block behauptet nämlich, er habe zwar Carlos Anzeigen vermittelt, doch nichts mit «sexy-tipp.to» zu tun. Er kenne Carlos nicht, habe ihn nie gesehen, nie gesprochen, alles sei über eine Mailadresse gelaufen. Über die Glaubwürdigkeit der Aussagen lässt sich bislang nur mutmassen.

Wer ist aber Marco Block? «Wirtschaft regional»-Recherchen ergeben, dass Block in der Sexbranche seit vielen Jahren bekannt ist. Von Vaduz aus betreibt der 40-Jährige seit 2016 mit der Firma IT Result AG eines der grössten Schweizer Sexportale namens «6navi.ch». Ursprünglich aus Deutschland stammend, lebte Block danach längere Zeit in Basel. Bis August 2013 hatte er ein Mandat bei einem Unternehmen namens CM Systems AG, bis 2016 war er bei Vital Service GmbH beschäftigt. Das Geschäftsfeld des einen Unternehmens bestand im Vertrieb von IT-Lösungen sowie dem Betrieb einer Marketing-Agentur, die andere bezweckte die Vermietung von Wohnungen, den Betrieb von Gastronomie-Unternehmen, von Massage- und Fitness-Salons sowie von Wellnesseinrichtungen. 

Zweck der Firma IT Result AG ist gemäss Handelsregister-Eintrag «Entwicklung, Vermarktung und Betrieb von Online-Werbepattformen und alle damit verbundenen Tätigkeiten, Handel mit Waren aller Art». In einer Pressemitteilung, publiziert bei Pressetext.com, konkretisiert IT Result AG aber den eigenen Firmenzweck: «Marco Block, Anbieter von Softwarelösungen für die Erotikbranche und Erfinder von ‹6navi.ch› hat den Wunsch der Kunden – und das sind ja in der Mehrzahl Männer – nach Geschwindigkeit bei der Kontaktaufnahme mit Call-Girls und Bordellen als wichtiges Anliegen identifiziert.» Die Erotik- und Sexarbeitsbranche habe auf die Digitalisierung reagiert. 

Wie erzielt das Unternehmen Profit? Umsätze werden über die Anzeigen gemacht. Monatlich kostet ein Inserat 150 Franken, pro Woche 60 Franken. Zusätzlich werden Bannerwerbungen beispielsweise für Clubs geschalten. Bereits ein kleines Werbebanner kostet 600 Franken im Monat.  Die Anbieterinnen sexueller Dienstleistungen geben bei «6navi.ch» online ihre Anzeigen auf. IT Result AG garantiert «maximale Transparenz». Die Frauen machen ihre Services, Preise und die Kontaktmöglichkeiten kund, «und zwar unabhängig von Vermittlern wie Zuhältern», wie IT Result AG betont. Der Kontakt zwischen Anbieter und Kunde werde so direkt hergestellt. Die Inserate seien nach Kantonen und Städten geordnet. So könne der potenzielle Sexkunde unmittelbar in seiner Wunschregion auf die Suche gehen und dann eine detaillierte Auswahl treffen. Eine Listenfunktion ermögliche es, verschiedene Inserate zu vergleichen. Über 15 000 User besuchen mittlerweile täglich das Portal. Auf Radio Pilatus und FM1 schaltet «6navi.ch» dreimal täglich Werbung. 

Sexarbeit ist auch Arbeit
In einem Interview auf dem Portal «Pressetext.com» wird Marco Block gefragt, ob denn ein Sex-Portal nicht an sich fragwürdig sei? Der Deutsche antwortete: «Wir als Betreiber verdienen am Sex kein Geld, nur am Service, das sexuelle Dienstleistungsangebot online zu stellen und so den Sexarbeiterinnen eine sichere und legale Ansprache der Zielgruppe ‹Freier› zu ermöglichen.» In der Schweiz sei zwar die Prostitution legal, aber immer noch seien viele Frauen, die in dem Sexgewerbe arbeiten, abhängig von Menschenhändlern oder in Strukturen, bei denen sie sexuell und arbeitsmässig ausgebeutet werden. In dem Portal für Sex-Inserate können Sexarbeiterinnen Sex fern von kriminalisierten Umfeldern anbieten. «Für die Entkriminalisierung der sexuellen Dienstleistung setzt sich ja auch Amnesty International in seiner Resolution von 2015 ein», so Block. Der Vergleich mit Amnesty International hinkt zwar, aber auch Beratungsstellen für Sexgewerbefragen sehen die Portale nicht generell als ein Übel an. «Dass Kunden die sogenannten Freier-Foren nutzen, um ihre Erlebnisse oder oft ihre nicht erfüllten Erwartungen zu schildern, ist uns wie auch den Sexarbeitenden bekannt. Grundsätzlich ist dagegen nichts zu sagen. Nur die Einträge sollten respektvoll sein», sagt Susanne Gresser. Respektvoll müssten natürlich auch die persönlichen Begegnungen mit den Sexarbeitenden sein, denn Sexarbeit sei Arbeit. Keine Arbeit wie andere, aber es sei Arbeit und die Personen, die diese Arbeit ausführten oder anböten, verdienten den Respekt, den auch alle «normalen» Arbeiter für ihre Arbeit erwarteten. (rpm)

23. Nov 2019 / 12:08
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