• Otto Frommelt in Vaduz
    Die Entwicklungen in der Autobranche werden auch direkten Einfluss auf die MFK haben.  (Daniel Schwendener)

Otto C. Frommelt: «In 10 Jahren fahren auf unseren Strassen autonome Fahrzeuge»

Der Leiter der Motorfahrzeugkontrolle in Liechtenstein, Otto C. Frommelt, kann auf eine langjährige Karriere in der Strategieentwicklung zurückblicken. Im Interview erklärt er, weshalb in Zukunft nicht mehr jeder ein Auto braucht und warum es neue Gesetze braucht.

Herr Frommelt, Sie können auf eine lange internationale Berufskarriere zurückblicken. Wie hat alles angefangen?

Otto C. Frommelt: Begonnen habe ich mit einer Lehre als Automechaniker bei Max Heidegger mit anschliessender kaufmännischer Zusatzausbildung. Ich habe dann ständig weitergemacht und zuletzt mein Studium vor zehn Jahren mit einem Doctor of Business Administration in Szenarienplanung und Strategieentwicklung abgeschlossen. Daneben habe ich fast mein ganzes Berufsleben für Volvo international gearbeitet, sei es als Leiter IT beziehungsweise Finanzdirektor in Deutschland oder in unserem östlichen Nachbarland als Geschäftsführer für Volvo Österreich. Ich war auch in England, Schweden und vor meiner Rückkehr in meine Heimat in der Türkei tätig, jeweils in verschiedensten Management Positionen und Aufsichtsratsgremien.

Was haben Sie in der Türkei gemacht?

Als Direktor Business Development & Projects der Volvo Gruppe in Istanbul war ich für die Geschäftsentwicklung in Russland, dem Mittleren Osten und Afrika zuständig. Wir wollten hier wachsen und vermehrt Präsenz zeigen.

Aufgrund Ihrer Biographie ist es doch erstaunlich, wie Sie dann bei der Motorfahrzeugkontrolle gelandet sind.

Nein, überhaupt nicht. Ich bin ein Liechtensteiner und freute mich, dass sich beruflich die Gelegenheit bot «heimzukommen». Für mich der richtige Schritt zur richtigen Zeit.

Aber das ist doch nicht zu vergleichen mit Istanbul?

(lacht) Nein, nicht ganz. Aber in Vaduz wartete als Amtsleiter der MFK ebenfalls eine reizvolle Aufgabe auf mich. Schliesslich gab und gibt es einige grosse Herausforderungen, sodass neue Impulse nötig waren. Gerne bringe ich zur Lösung dieser Aufgaben meinen beruflichen Erfahrungsschatz und mein Wissen ins MFK-Team ein.

Was ist Ihnen aufgefallen, als Sie zurückkehrt sind?

Ich staune darüber, wie international das Land geworden ist. Ich meine damit wie einheimische Unternehmungen den Schritt ins Ausland gewagt haben und sich in internationalen Märkten sehr erfolgreich behaupten. Als Resultat ergeben sich somit von Liechtenstein aus neue Berufschancen, von denen ich früher nur träumen konnte. Das ist grossartig, vor allem für junge Menschen.

Ein anderes Steckenpferd von Ihnen ist die Zukunft des Automobils. Woher diese Faszination?

Als Kind schon haben mich Autos und auch der Rennsport immer begeistert. Zumal damals einer meiner MFK Vorgänger, Manfred Schurti, sehr erfolgreich Rennen fuhr. Zudem verfolge ich generell mit grossem Interesse die technologischen Entwicklungen und Innovationen im Bereich Automobil, Mobilität und Verkehrssicherheit und auch die damit verbundenen wirtschaftlichen Zusammenhänge.

Sie beschäftigen sich ja bereits lange damit.

Ja, schon bei Volvo habe ich u.a. Zukunftsszenarien für Vertriebs- und Verkaufsstrategien entworfen. Heute jedoch interessieren mich die grossen aktuellen Themen: Was sind umweltfreundliche und schonende Antriebstechnologien? Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? Und wie müssen wir uns darauf einstellen? Das sind ganz entscheidende Fragen.

Sie wurden berufen, als Mitglied der «Plattform Zukunft», einer Strategiegruppe des Verband der Strassenverkehrsämter der Schweiz und des Fürstentum Liechtenstein, mitzuarbeiten.

Ja, das hat mich sehr gefreut, dass ich als Vertreter Liechtensteins nebst meinen Kollegen aus den grossen Kantonen Zürich, Basel, Bern und Genf für einen Einsitz angefragt wurde. Und weil ich glaubte, dass ich hier mein Know-how einbringen konnte, verfasste ich ein Strategiepapier. Auf Basis von derzeit bereits vorhandenen Entwicklungen und Trends beschreibt dieses verschiedene Szenarien der Mobilität der Zukunft.

Welche Entwicklungen wären das?

Da gibt es heute schon viele und die Dynamik nimmt stetig zu. Das beginnt mit bekannten alternativen Antrieben wie Elektro- und Wasserstoff betriebenen Fahrzeugen, setzt sich fort mit selbstfahrenden Autos, geht über in neue Transportsysteme wie Hyperloops, bis hin zur Smart City, wie sie gerade in Dubai entsteht. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Alles passiert in einer solchen Geschwindigkeit, es ist unglaublich. Kennen Sie «Waymo»?

Nein.

Das sind die fahrerlosen Autos von Google. Unterdessen gibt es eine ganze Flotte, die bereits Taxidienstleistungen anbietet. Diese wird derzeit von 400 «Early Riders» getestet. Dabei sitzt zwar noch ein Fahrer hinter dem Lenkrad, der jedoch den Wagen nicht mehr steuert. Er ist nur für den Notfall da. Aber auch das wird sich allmählich ändern und das Auto wird ganz ohne Fahrer unterwegs sein. Ähnlich wie bei Uber wird es eine App geben, mit der man am Handy nur noch das Fahrzeug bestellen wird. Dieses befördert einen dann selbstfahrend zum gewünschten Ort, sei es ins Café, zum Shopping oder zur Arbeit. Dort bleibt es stehen bis ein nächster Kunde es braucht.

Dann ist das keine Zukunftsmusik mehr?

Nein, ganz im Gegenteil. Man könnte glauben, dass sei noch zwanzig Jahre von uns entfernt. Diese neuen Geschäftsmodelle werden in Kürze ausgerollt werden, zuerst sicherlich in den grossen Metropolen der Welt. Wir können also vielleicht schon in ein paar wenigen Jahren mit solchen Gefährten unsere Alltagsgeschäfte erledigen und uns beim Wochenend-Trip rumfahren lassen.

Das wird weitreichende Folgen haben.

Richtig, da hängt eine ganze Menge dran. Das sind Stichworte wie «Mobility as a Service» oder «Transport as a Service» und Nutzung auf Zeit. Vereinfacht kann man sagen, Mobilität als Servicedienstleistung steht zur Verfügung – wann ich sie will, wie lange ich sie will und wie oft ich sie will. Da stellt sich die Frage, ob jeder noch ein eigenes Auto besitzen muss oder möchte. Hierzu wird sich die Einstellung und das Bewusstsein spürbar verändern. Begünstigt wird dies durch die Tatsache, dass die neue Mobilität günstiger und sicherer sein wird. Natürlich geht dies in den einzelnen Ländern unterschiedlich schnell, doch es wird passieren. Da besteht kein Zweifel.

Wie wird es in Liechtenstein in zehn Jahren aussehen?

Liechtenstein wird solche neuen Technologien schnell übernehmen, davon bin ich überzeugt. Das ist heute schon so. Bei uns fahren überdurchschnittlich viele Elektrofahrzeuge auf den Strassen. In ca. zehn Jahren werden dann autonome Fahrzeuge auf Liechtensteins Strassen unterwegs sein, keine Frage. Vermutlich noch nicht in einer hohen Zahl, aber einzelne werden im Verkehr sein.

Technisch möglich wäre es ja heute schon. Doch es fehlen beispielsweise die gesetzlichen Grundlagen.

Ja, das stimmt. Das internationale Recht hinkt hinterher. Es gibt einzig die Wiener Strassenverkehrskonvention von 1968, die 2016 auch mit einem Passus zum autonomen Fahren ergänzt wurde. Demnach muss ein Fahrer aber immer noch jederzeit sein Fahrzeug kontrollieren können. Dieses Recht muss angepasst werden, es ist überholt.

Wegen dem autonomen Fahren?

Nicht nur, aber auch. Autonome Fahrzeuge fahren derzeit vor allem zu Testzwecken. Auch hier wäre ein zeitgemässer rechtlicher Rahmen wünschenswert. Doch wir müssen nicht mal so weit nach vorne denken: Bereits heute können Fahrzeuge von z.B. BMW oder Audi selbständig einparkieren. Oder sie haben einen Staumodus, bei dem man im Stau einen Knopf drückt, den Rest könnte das Auto dank Distanzregelung, Spurhalteassistent, Bewegungssensoren und Geschwindigkeitsregelung eigenständig erledigen. Doch auch hier fehlt leider noch die rechtliche Basis, um diese autonomen Funktionen – gänzlich ohne Überwachung – nutzen zu können.

Wenn mein Au to also irgendwo reinfährt ...

... dann sind Sie Schuld. Sie wären verantwortlich, weil Sie der Besitzer sind und nicht aufgepasst haben. Das zu schaffende Recht und die Versicherungsthematik sind aber noch die zwei der grossen ungelösten Fragen. Und je mehr wir uns zum autonomen Fahren hinbewegen, desto mehr stellt sich die vermutlich allergrösste Frage, nämlich die der Ethik.

Zum Beispiel?

Es handelt sich hier um ganz schwierige Fragestellungen, die nicht ohne weiteres mit ja oder nein, richtig oder falsch beantwortet werden können. Soll ein Auto jederzeit den Fahrer schützen, weil er ja der Besitzer ist? Soll das Auto in einem Notfall seine Insassen oder Personen, die die Strasse nicht vorschriftsgemäss überqueren, retten? In so einem Moment wird die Maschine entscheiden, wen sie gefährdet und wen nicht. Doch diese Entscheidung muss der Mensch der Technik vorwegnehmen. Dies ist ein höchst umstrittenes Thema, das ausführlich auf allen Ebenen diskutiert werden muss, unter Berücksichtigung aller moralischen und ethischen Aspekte und Werte.

Wenn wir in zehn Jahren bereits erste autonome Fahrzeuge haben, müssen wir diese Fragen bis dann beantwortet haben.

Absolut. Zuallererst die angesprochen Fragen der Ethik, die mit dem höchsten Rechtsgut, nämlich dem Schutz des Lebens, verbunden sind. Dazu kommen auch, wie erwähnt, die versicherungstechnischen Fragen. Wer haftet bei einem Unfall?

Sie haben in Ihrem Strategiepapier eine klare Antwort.

Der Hersteller natürlich. Wenn er mir schon so eine Maschine verkauft, dann soll er auch für deren Funktionstüchtigkeit haften. Schliesslich hat der Autobauer alles zusammengeschraubt und auch die Software programmiert. Das ist vielleicht für die Automobilindustrie eine etwas provokante These, doch sie ist naheliegend und macht Sinn.

Kann es überhaupt noch zu Unfällen kommen?

Die Zahl an Unfällen wird dramatisch abnehmen. Doch ausschliessen wird man sie nie ganz können. Denn es wird auf den Strassen ein Zusammentreffen von autonomen und traditionell von Personen gelenkten Fahrzeugen geben, das ein gewisses Gefahrenpotential in sich bergen wird. Der Grund dafür ist, dass es in Zukunft weiterhin «Oldtimer» geben wird, aber auch Personen, die ihr «eigenes» Fahrzeug nach wie vor selbst fahren und lenken wollen. Und es stellen sich zusätzlich neue Fragen: Wie kann ich ein autonomes Fahrzeug bremsen, wenn es spinnt? Wie kriege ich die Kontrolle zurück? Oder, wie stoppt die Polizei ein autonomes Fahrzeug? Welche Sicherheitsstandards wird es geben, um Hackerangriffe abzuwehren? Auch darauf haben wir noch keine abschliessenden Antworten. (ags)

17. Nov 2018 / 08:00
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