• Karl Müller, Sennwald
    Ein Mann, der in seinem Leben über 50 Unternehmen gegründet hat: Karl Müller. Der CEO der Kybun AG hält nichts davon, wenn man Trends nachjagt. In den nächsten Jahren wird er sich langsam aus dem operativen Geschäft zurückziehen.  (Tatjana Schnalzger)

«Geld verdienen an sich ist keine grosse Sache»

Karl Müller kann auf ein bewegtes und erfolgreiches Geschäftsleben zurückblicken. Im Interview blickt der Schuhfabrikant auf seine Engagements in Korea zurück, erklärt, weshalb er einen Bauernhof kaufte und wie sein Glaube an Gott seine Karriere prägte.

Mit Karl Müller sprach Stephan Agnolazza-Hoop

Herr Müller, ich habe versucht zu zählen, wie viele Firmen Sie gegründet haben. Wissen Sie, wie viele es sind?
In meinem ganzen Leben? (überlegt) Vermutlich etwa um die fünfzig.

Fünfzig? Ich kam auf 14.
Es waren natürlich allein in der MTB zahlreiche Firmen, mit all den Niederlassungen und Teilgesellschaften. 

Von den fünfzig waren aber nicht alles Schuhmanufakturen.
Nein. Ich habe ja lange in Korea gearbeitet, wo ich unter anderem vier verschiedene Restaurants und ein Sport-geschäft betrieb. Dazu kamen Import- und Exportgeschäfte, zum Beispiel mit Käse. Auch war ich der erste Skiimporteur in Korea und war Mitgründer des Skiresorts Pjöngjang, in welchem heuer die Olympischen Winterspiele stattgefunden haben. 

Weshalb kehrten Sie Anfang der 90er-Jahre in die Schweiz zurück?
Ich konnte mir nie vorstellen, nach Europa zurückzukehren. Ich bin vom Herzen her auch heute in Korea fast mehr zu Hause als hier in der Schweiz. Ich habe mit dem Velo das ganze Land erkundet, rede die Sprache fast wie ein Einheimischer und war geschäftlich erfolgreich – irgendwann machte aber der Körper nicht mehr mit. Das warf mich fast aus der Bahn und liess mich nach dem Sinn des Lebens suchen. 

Und dann?
Ich suchte nach Antworten. Es ist klar, dass es nicht ums Geld geht. Geldverdienen an sich ist ja keine grosse Sache und hat immer gut geklappt. Ich suchte also anderswo. Wenn man in Asien ist, liegt es nahe, dass man sich mit dem Buddhismus, Konfuzianismus oder Daoismus beschäftigt. Da fand ich aber keine Antworten. Also begann ich die Bibel zu lesen. 

Und da fanden Sie die Antworten?
Ja, absolut. Ich fand beispielsweise die Bibelstelle mit dem reichen Jüngling, welchem Jesus riet, alles den Armen zu verschenken. Da fühlte ich mich angesprochen. Ich hatte ja auch noch einige hunderttausend Franken auf dem Konto. Wenn man glaubt, den Sinn des Lebens gefunden zu haben, soll man ihn auch verfolgen. Ich habe einen Drogenberater kennengelernt, der ein Drogenheim aufbauen wollte, und das Geld in dieses Projekt reingesteckt.

Und hat es seinen Zweck erfüllt? Haben Sie Antworten gefunden?
Zu Beginn überhaupt nicht. Es gab riesige Probleme. Wir haben sieben Kinder und standen irgendwann mit nichts mehr da. Da fragt man sich schon: War das jetzt der Wille Gottes? Aber es zeigte sich – zwar erst zwei, drei Jahre später, aber immerhin –, dass es ein guter Weg war. Ich musste ja etwas Neues suchen, obwohl ich mir einst geschworen hatte, nie mehr zu «gschäften». Aus Geldnot fing ich dann mit der MBT an. Wenn wir heute darauf zurückblicken, muss ich sagen: Ich habe wenig gesät und extrem viel geerntet. 
Dann ist es also aufgegangen, Sie haben Ihre Branche gefunden. Und doch ist es erstaunlich: Sie werden heute als Chef der Kybun wohl kaum weniger zu tun haben als früher in Korea. Was hat sich geändert?
Die Menge der Arbeit hat sich nicht geändert, da haben Sie recht. Doch heute denke ich anders als früher, gewisse Umstände lassen mich nicht mehr meinen Rhythmus bestimmen. Ich bin auch ruhiger geworden.
Die Gründung Ihrer Firma hängt eng mit Ihrem Glauben zusammen. Wie äussert sich das heute im Betrieb?
Wir haben keine fixen Rituale. Es kann aber durchaus vorkommen, dass wir mal zusammen beten. Bei schwierigen Entscheidungen ziehe ich auch gerne jemanden aus der Firma bei, der ebenfalls ein Fundament auf dem biblischen Glauben hat wie ich. Generell versuche ich, alle Entscheide mit Gott zu besprechen.
Es ist sehr ungewöhnlich, dass ein Mann in Ihrer Position so offen über seinen Glauben redet. 
Wenn man glaubt, muss das ja alle Lebensbereiche durchziehen. Ich kann meinen Glauben nicht an der Eingangstüre abgeben und nach Feierabend wieder mitnehmen. Das kann es nicht sein. 

Haben Sie keine Angst vor negativen Konsequenzen? Zum Beispiel das Vergraulen von bestimmten Kundengruppen?
Das ist mir völlig egal. Dann sollen die halt keine Schuhe von uns kaufen. Aber klar, ich bekam natürlich auch schon einige E-Mails und gar Drohungen. Ich soll aufhören, mit den Medien darüber zu reden. Aber dabei ist es ganz einfach: Wenn man mir eine Frage stellt, versuche ich eine ehrliche Antwort zu geben. 
Das hat bisher auch sehr gut geklappt. Selbst als sich 2006 der Minderheitspartner der MBT abspaltete. 
Im Nachhinein würde ich die Trennung nicht mehr machen. Doch ich bereue den Schritt nicht, denn auch aus Fehlern lernt man. 

Warum nicht?
Ich glaube nicht, dass es Gottes Plan war. Die Entstehung der MBT war ein so grosses Geschenk ... das habe ich mir dann versilbert. Das wäre nicht nötig gewesen. Aber ich habe mich überreden lassen. Doch wie gesagt, ich bereue den Schritt nicht. Es gingen andere Türen auf, zum Beispiel der Produktionsstandort in der Schweiz. Ansonsten würden wir noch immer in Asien produzieren.

Aber wie kommt man auf die Idee, eine Schuhfabrik in der Schweiz zu bauen? Sie haben eine Fabrik in der Schweiz und eine in Norditalien. Beides nicht gerade billige Pflaster ...
... nein, ganz und gar nicht.

Sie hätten viel höhere Margen, wenn Sie in Asien geblieben wären.
Ja sicher. 

Und weshalb produzieren Sie dann in der Schweiz?
(überlegt) Ich bin zwar wissenschaftlich ausgebildet und denke gerne strukturiert, aber die wichtigen Entscheidungen fälle ich aus dem Bauch heraus. Und für mich war es einfach sonnenklar, dass ich in der Schweiz anfange. Aber mit Vernunft hat es nichts zu tun. Ich glaubte einfach, das Richtige zu tun. Und das tue ich noch.

Gibt es auch Vorteile, wenn man hier produziert?
«Swiss Made» ist sicher ein Vorteil. Auch können wir nicht so leicht kopiert werden, weil bei uns alles inhouse passiert. Ausserdem können wir den Preis rechtfertigen. Schauen Sie: Was ist günstiger: Ein guter Schuh für 300 Franken oder eine Knieoperation? Da kommt es nicht darauf an, ob der Schuh 200 oder 
300 Franken kostet. Ausserdem reiten Sie auf der Gesundheitswelle. Die Leute sind bereit, dafür Geld auszugeben. Wir sind nicht in der Branche, weil wir den Megatrend Gesundheit vorausgesehen haben. Das ist ja eine relativ neue Sache. Wir sind ja schon seit Längerem dabei. Derzeit haben wir etwas Rückenwind, das stimmt. Aber wer sagt, dass das immer so weitergeht? 

Nun, dass die Leute gesund bleiben wollen, dürfte sich wohl kaum ändern.
Ja, das ist klar. Und ich glaube auch, solange die Welt so ist, wie sie heute ist, wird es der Gesundheitsbranche gut gehen. Doch die Geschichte beweist: Änderungen geschehen teilweise sehr schnell. Wir folgen deshalb keinen Trends, sondern gehen unseren eigenen Weg. 

Sie beobachten keine Trends?
Nein. Wir gehen dorthin, wo wir glauben, dass es richtig ist. Wir wollen über Generationen hinaus hier in Sennwald bleiben. Da können wir uns nicht an Trends orientieren.

Stichwort Generation: Sie sind nun 66 Jahre alt. Beschäftigen Sie sich bereits mit der Nachfolge?
Wir sind bereits mittendrin, alles in jüngere Hände zu geben. Meine Söhne sind bereits im Betrieb und wir übergeben langsam an sie. Im Laufe der nächsten Jahre werden sie dann nach und nach die operative Leitung übernehmen. 

Aber ohne festen Zeitplan?
Ja, einen festen Zeitplan haben wir nicht. Für mich wäre es natürlich schön, wenn alles so schnell wie möglich über die Bühne geht. Doch wir haben keinen Stress und wollen nichts überhasten. Es soll ein natürlicher Übergang werden. Mit siebzig werde ich aber vermutlich nicht mehr als Geschäftsführer tätig sein. 

Und dann?
Ich kann mir vorstellen, mein Know-how weiterzugeben, in Form von Vorträgen oder Seminaren. 

Was werden Sie Ihren Söhnen am letzten Arbeitstag mit auf den Weg geben, wenn Sie Ihnen die Schlüssel zur Fabrik überreichen?
Dann muss ich ihnen nichts mehr sagen. Sie haben ja alles bereits miterlebt. Und die Schlüssel haben sie auch schon ... (lacht)

13. Okt 2018 / 08:00
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