• Demotivated by the demands of work
    Überstunden sind in den wenigsten Fällen ein Grund zur Freude.  (Peopleimages)

Die Krux mit der Überzeit

Geht es um Überstunden, kochen zuweilen die Gemüter auf. Bei Vertrauensarbeitszeit schätzt der Liechtensteiner Arbeitnehmerverband die Situation heikel ein und spricht sich für eine Zeiterfassungspflicht aus.

Sowohl für den Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber ist es eine unangenehme Situation, wenn sich der Feierabend nach hinten verschiebt. Entweder erfolgen Überstunden auf Anordnung vom Vorgesetzten oder werden auf freiwilliger Basis verrichtet, um den Lohn aufzubessern. Bei Vertrauensarbeitszeit sieht die Situation komplexer aus. Denn dadurch wird die Verantwortung des Zeitmanagements überwiegend in die Hände der Arbeitnehmer gelegt, was eine Erhebung von Überstunden und zuschlagspflichtiger Überzeit erschwert. Wenn das Ergebnis über allem steht, bestehe laut Fredy Litscher, Gewerkschaftssekretär des Liechtensteinischen Arbeitnehmerverbandes (LANV), die Gefahr, dass sich die Arbeitnehmer selbst ausbeuten. Hinzu komme, dass manche Vorgesetzte immer mehr einfordern oder in der Menge an Angestellten die Übersicht verlieren, was dazu führen könne, dass geleistete Überstunden nicht anerkannt oder im Nachhinein als nicht angeordnet deklariert werden.

Überstunden sind keine Überzeit

Mit längeren Arbeitszeiten sind temporäre Überlastungen verbunden. Genauso erschweren sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Oftmals leiden die eigenen Hobbys oder Vereinstätigkeit darunter. Litscher sieht darin allerdings auch Chancen, die über den höheren Lohn hinausgehen. «Die Arbeitnehmenden können sich dem Arbeitgeber durch längere Einsätze als fleissige Mitarbeitende präsentieren.» Zudem ermöglichen sie «Langzeitkonten» für längere Ferien, Auszeiten oder einen flexiblen Altersrücktritt.

Gemäss den Erfahrungen des LANV sind vor allem Arbeitnehmer im Tieflohnsektor von Überstunden betroffen. Als Beispiele nennt Litscher Produktionsmitarbeiter und Reinigungsfachkräfte. «Diese müssen auch aus finanziellen Gründen mehr arbeiten.» In Branchen, welche an allen Wochentagen produzieren, führen ein geringer Personalbestand, kurzfristige Ausfälle und Kundenwünsche zu Überstunden. Weniger betroffen seien Dienstleistungsbetriebe, bei denen fixe Öffnungszeiten bestehen.

Während man unter Zeitdruck dringende Arbeiten erledigt, kommt häufig die Frage auf, wie eigentlich die Rechtsgrundlage diesbezüglich aussieht. «Zuerst einmal gilt es, zwischen Überstunden und Überzeit zu unterscheiden», erwidert Rechtsanwalt Christoph Büchel aus Vaduz. So sind unter «Überstunden» jene Zeitüberschreitungen zu verstehen, die zwischen der vertraglich festgelegten Arbeitszeit und der gesetzlichen Höchstarbeitszeit liegen. Hierbei handelt es sich um jenen tolerierten Spielrahmen, in dem sich auch Gleitzeiten bewegen. Wird die gesetzliche Höchstarbeitszeit überschritten, spricht der Rechtsjargon von «Überzeit».

Wohl die erste Frage, welche sich Arbeitnehmer in diesem Kontext stellen, lautet, ob sie zu Überstunden beziehungsweise Überzeit verpflichtet sind? In diesem Sinne sollte man den Begriff «Höchstarbeitszeit» nicht allzu wörtlich nehmen, weil unter bestimmten Bedingungen ist Überzeit legitim. Als Voraussetzungen führt das Liechtensteiner Arbeitsgesetz zum Beispiel eine «Dringlichkeit der Arbeit» oder die «Beseitigung von Betriebsstörungen» auf. Allerdings darf die Überzeit eines Arbeitnehmers zwei Stunden am Tag nicht überschreiten, ausser an arbeitsfreien Werktagen und Notfällen. Die zusätzliche Belastung müsse insbesondere für Arbeitnehmer mit Familienpflichten zumutbar sein, wie Büchel ausführt. Für Fredy Litscher stehen dahingehend die Vorgesetzten in der Pflicht. «Der Arbeitgeber ist dafür verantwortlich, dass die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden.»

Höchstarbeitszeiten weichen ab

Grundsätzlich ist das Liechtensteiner Arbeitsgesetz – mit geringfügigen Anpassungen – an der Schweizer Fassung angelehnt. «Durch den EWR-Beitritt musste Liechtenstein einige Änderungen vornehmen», betont Büchel. Die Höchstarbeitszeit im Fürstentum beläuft sich je nach Branche auf 45 bis 48 Stunden, in der Schweiz auf 45 bis 50 Stunden pro Woche. Bei Arbeitnehmern, die nicht volljährig sind, schränkt Liechtenstein die Höchstarbeit auf 40 Stunden ein. Das Schweizer Arbeitsgesetz kennt diesen Zusatz nicht – allerdings halten beide Fassungen fest, dass Jugendliche ab 16 Jahren höchstens bis 22 Uhr arbeiten dürfen.

Ein Unterschied zwischen beiden Arbeitsgesetzen zeigt sich im Vorgehen, wie die jeweilige Gesetzgebung Überzeit einschränkt. Laut Liechtensteiner Arbeitsgesetz «darf die durchschnittlich wöchentliche Arbeitszeit inklusive Überzeit innert vier Monaten 48 Stunden nicht überschreiten». Das Schweizer Pendant definiert die Grenze je nach Höchstarbeitszeit bei 170 Stunden beziehungsweise 140 Stunden pro Kalenderjahr. Insofern fordert die Liechtensteiner Variante, dass man Überzeiten innerhalb eines mittelfristigen Zeitraums kompensiert, sodass sich die Arbeitszeit im Durchschnitt an der gesetzlichen Höchstarbeitszeit orientiert. Die Schweizer Gesetzgebung ist dahingehend offener gehalten und ermöglicht grundsätzlich, dass man – im Gegenzug für einen Lohnzuschlag – bis zu einem gewissen Grad über der jeweiligen Höchstzeit arbeitet. Diese Möglichkeit ist in Liechtenstein nur eingeschränkt vorhanden.

Stempeln empfohlen

Wer mehr als die vertraglich festgelegte Arbeitszeit «schuftet», erwartet dafür eine angemessene Gegenleistung. «Der Arbeitnehmer hat einen rechtlichen Anspruch auf Vergütung, wenn er über das vertraglich geregelte Pensum arbeitet», erläutert Christoph Büchel. «Überstunden verfallen nicht und können auch ins nächste Jahr übernommen werden.»  Wenn schriftlich nicht anders vereinbart, sind nicht kompensierte Überstunden und Überzeit mit einem Zuschlag von 25 Prozent abzugelten – in bestimmten Branchen jedoch nur, sobald sie mehr als 60 Stunden im Kalenderjahr übersteigen. Bei gleitender Arbeitszeit entfalle der Überstundenzuschlag in der Regel. Vielfach werden Überzeiten zu einem anderen Zeitpunkt kompensiert. Diese Alternative steht sowohl im Liechtensteiner als auch Schweizer Arbeitsgesetz, bedarf aber das Einverständnis des Arbeitnehmers. Wie Büchel anhand eines Beispiels ausführt, findet das Arbeitsgesetz auf bestimmte Tätigkeiten keine Anwendung. «Bei Führungspositionen wird oft vereinbart, dass für sie die Normalarbeitszeit nicht gilt und der höhere Lohn die Überzeit abdeckt.»

Die Krux sieht Fredy Litscher in der Vertrauensarbeitszeit begraben. «Eine autonome Arbeitszeitgestaltung hört sich für den Arbeitnehmer im ersten Augenblick vielversprechend an, aber Überstunden sind dadurch kaum erfassbar.» Um für klare Verhältnisse zu sorgen, spricht sich der LANV für eine Wiedereinführung der Zeiterfassungspflicht aus und rät bei Arbeitsverträgen davon ab, die Überstunden im Grundlohn zu inkludieren. «Auch wenn Vertrauensarbeit im Betrieb herrscht, sollen die täglichen Arbeitsstunden notiert und visiert werden.» Verweigert dies der Vorgesetzte, könne man sie trotzdem selbstständig festhalten. Büchel weist darauf hin, dass schriftliche Abmachungen von Vorteil sind und Arbeitszeitaufzeichnungen im Konfliktfall den Nachweis von strittigen Sachverhalten erleichtern. (gk)

14. Dez 2018 / 17:47
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