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    Radfahren liegt schon länger im Trend, hat in Coronazeiten aber nochmals einen Popularitätsschub erfahren.  (Daniel Gassner)

Velohändler erleben Kundenansturm

Der Fahrradfachhandel erlebt in Zeiten der Pandemie einen regelrechten Kundenansturm.

So sehr die Coronapandemie das öffentliche Leben in der jüngeren Vergangenheit  auch lahmlegte – der Lust am Fahrrad­fahren konnte sie offenkundig nichts anhaben. Im Gegenteil: Wohl selten war die Zahl der Menschen, die ihre Drahtesel zu einem Ausritt ausführen, grösser als in den vergangenen Wochen und Monaten. Das Velo scheint gegenwärtig einen regelrechten Popularitätsschub zu erleben.

Die Fachhändler im Land können diesen subjektiven Eindruck mit Blick auf den eigenen Geschäftsgang nur bestätigen. Während zahlreiche Branchen verzweifelt gegen die wirtschaftlichen Negativeffekte ankämpfen, ringen sie darum, den ständig eingehenden Anfragen und Aufträgen innerhalb einer sinnvollen Frist gerecht zu werden. Anfänglich, erzählt Sigi Vogt, Inhaber von Sigis Veloshop, habe es zwar noch alles andere als rosig ausgesehen. «Der Verkauf ist total eingebrochen. Die Prospekte für die Frühlingsausstellung habe ich direkt vom Drucker zum Altpapier gebracht, da ich den Laden schliessen musste.» Doch die Trendwende setzte – insbesondere dank des eigenen Onlineshops, der auch während der Schliessung des Verkaufslokals offen blieb – schnell ein. Mittlerweile spricht der Balzner, der immerhin seit gut 30 Jahren als selbstständiger Fachhändler tätig ist, von «rekordverdächtigen» Verkaufszahlen, die er allerdings nicht preisgeben möchte. Hinzu kommt die seit Wochen ständig komplett ausgebuchte Werkstatt. «Im Moment können wir nur noch Velos reparieren, die auch bei uns gekauft wurden, sogenannte Kundenvelos», berichtet er. «Die anderen stehen an zweiter Stelle und haben etwas längere Wartezeiten.»

Steigende Umsätze und Werkstattbetrieb am Anschlag
Ganz ähnlich erlebt Arthur Wenaweser den bisherigen Saisonverlauf. Der Frühling sei ein «sehr guter» gewesen, berichtet der Inhaber von Wenaweser Zweirad in Schaan. Das gelte sowohl für die Werkstatt als auch für den Verkauf. Auch die Erfahrungen ­Dominik Seles, Inhaber von Sele Radsport in Eschen, sind deckungsgleich. Die Werkstatt arbeite schon den ganzen Frühling hindurch kontinuierlich am Anschlag, berichtet er. Und auch die Umsätze aus dem Verkauf sind gegenüber früheren Jahren gestiegen, wie er, ohne genaue Zahlen zu nennen, bestätigt. Hätte das Verkaufslokal temporär nicht geschlossen werden müssen, wäre nach seinem Dafürhalten sogar «noch mehr möglich gewesen in dieser für uns wichtigen Jahreszeit».

Einen direkten Zusammenhang zwischen Coronapandemie und erhöhter Nachfrage sieht Sele nicht unbedingt. Das Umsatzwachstum habe «schon lange davor begonnen», hält er fest. Vielmehr stellt das anhaltend schöne Wetter für ihn einen wichtigen Treiber dar. Genau so, wie ein verändertes Gesundheitsbewusstsein, Vorteile in der Mobilität oder ökologische Überlegungen. «Alles spricht fürs Radfahren: Weniger Blutdrucksenkertabletten und Diäten, weniger CO2 in der Atmosphäre, weniger Stau und Verspätungen, mehr Erlebnisse in der Natur.»

Radfahren war immer möglich, viele andere sportliche Aktivitäten nicht
Gerade der bisweilen eingeschränkte Fluss des motorisierten Verkehrs ist ein Punkt, den auch Sigi Vogt als ganz grund­sätzlichen Grund für die wachsende Popularität des Fahrrads ausgemacht hat. Zugleich erkennt er aber auch in den Begleitumständen der Coronapandemie einen Faktor, der nun wie ein Beschleuniger wirkt: «Durch die vielen Einschränkungen der Krise sind viele aufs Fahrrad gekommen. Radfahren ist in dieser Zeit zum Volkssport geworden.» Viele Sportarten, führt er beispielhaft an, hätten bis vor Kurzem nicht ausgeübt werden können oder seien aktuell noch immer nicht möglich. Das begünstige ein Umsatteln definitiv. Aber auch die Aussicht auf eine ÖV-Fahrt mit Mundschutz ist der Attraktivität des Drahtesels in seinen Augen zuträglich. «Dann lieber raus an die frische Luft und erholt am Arbeitsplatz ankommen.»

Analog zu den Jahren zuvor sind es vor allem E-Bikes, welche die Kassen der Fachhändler klingeln lassen. «Der Boom wird von Jahr zu Jahr grösser», berichtet Dominik Sele. Bei den Kunden von Sigis Veloshop stehen aktuell insbesondere E-Mountainbikes hoch im Kurs. Für ihn keine grosse Überraschung: «Wir haben so viele schöne Berge rundherum. Zudem gibt es sehr gut ausgebaute Strassen bis zur Hütte, die zum Einkehren einladen.»

Die grosse Nachfrage kann laut Arthur Wenaweser in einigen Fällen durchaus zu Problemen beim Nachschub führen. «Die Lieferbarkeiten bei unseren Lieferanten sind eher schlechter als sonst», berichtet er. Auch Vogt berichtet von einer Marke im eigenen Sortiment, «die schon bald bis auf Weiteres ausverkauft ist». Lieferschwierigkeiten, erklärt er, seien indes nicht nur ein Effekt der hohen Verkaufszahlen, sie seien bei einigen Herstellern auch Ergebnis der Massnahmen, welche weltweit zur Eindämmung der Pandemie ergriffen wurden. «Gewisse Materialien sind dann irgendwann nicht mehr verfügbar, und das schränkt wiederum die Produktion ein.»

Dass Fahrräder angesichts dieser Entwicklungen schon bald als rares Gut gelten könnten, negieren die befragte Händler – zumindest bezogen auf ihr eigenes Geschäft – freilich entschieden. Da er bereits im vergangenen Jahr mit weiter steigenden Absatzzahlen gerechnet habe, habe er auch entsprechend eingekauft, so Sele. «Unser Fahrzeugbestand ist nach wie vor umfangreich. Über 60 verschiedene Modelle können wir derzeit sofort ab Lager liefern.» Auch Vogt hat noch einige Pfeile im Köcher, wie er betont: «In unserem Sortiment befinden sich noch einige Marken wie Cresta, Bergstrome und Riese Müller, die ihre Bikes selber herstellen. Wer etwas Geduld hat, bekommt sogar ein nach seinen Wünschen gefertigtes Fahrrad in wenigen Wochen.»

Noch längst kein «Gewinner» der Coronakrise
Das Wissen, Kundenbedürfnisse weiterhin bedienen zu können, ist für die heimischen Velogeschäfte viel wert. Die Nachfrage, sind sich die befragten Händler sicher, wird in den kommenden Wochen und Monaten nämlich hoch bleiben. «Wenn ich allein schon an die Sommerferien denke», sagt Sigi Vogt. «So viele Radtouren-Fahrer und -Fahrerinnen wird es nie zuvor gegeben haben.» Gleichwohl bleibt eine gewisse Zurückhaltung spürbar. «Die Branche jetzt als ‹Gewinner› der Coronazeit zu bezeichnen, halte ich für ziemlich verfrüht», erklärt Dominik Sele auf eine entsprechende Frage. Im Geschäftsleben komme es schliesslich nicht auf einige Monate an, sondern auf kontinuierlich solide Zahlen. «Ob wir diese mittelfristig realisieren können, hängt meiner Meinung nach stark damit zusammen, wie wir als Volkswirtschaft die Corona-Rezession überstehen werden und wie sie sich auf die Kauflaune unserer Kunden auswirkt.» (bo)

04. Jun 2020 / 22:41
Geteilt: x
3 KOMMENTARE
Der nächste Trend ist dann Langsamstverkehr per Gondel
Fahrräder sind doch lautlose Erschreckmonster und Rennmaschinen.

Wieso gibt es keine Entschleunigung durch die Nutzung von Gondeln am Binnenkanal analog zu Venedig?

DAS wäre dann wirklich stressfrei und umweltfreundlich, ausserdem unschlagbar konkurrenzlos.....los, VCL, macht voran.....ohne Bahnquietschen, Gerumpel und Elektrosmog, ohne Bremsstaub.....seid doch mal endlich richtig konsequent....
lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet 06.06.2020 Antworten Melden
Einerseits passt das super zum Mobilitätskonzept (Ausbau des Langsamverkehrs).
Sehr gute Anmerkung !!! Wird hier vielleicht der "Herdentrieb" des Menschen wieder eimal genutzt? "JWenn jetzt wollen ALLE Velofahren wollen...dann muss ICH selbstverständlich auch dabeisein". All diese machen sich dann noch zusätzlich stark für den Langsamverkehr, denn jetzt gehören sie auch dazu. Ähnliches klappte zBsp. auch die letzten Wochen-Monate fast weltweit sehr gut.
lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet 05.06.2020 Antworten Melden
Gut und schlecht
Einerseits passt das super zum Mobilitätskonzept (Ausbau des Langsamverkehrs).

Andererseits, wenn so viele E-MTBs nachgefragt werden, tun mir langsam die Berge, inkl. Fauna, leid. Mit Unterstützung kommt halt jeder überall hin. Keine natürliche Auslese mehr und damit eine ordentliche Schwemme. Mal sehen, wo das hinführt.
lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet 05.06.2020 Antworten Melden

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