"Wir sezieren zirka 1900 Tiere pro Jahr"

Regelmässig bindet sich Veterinärpathologin Monika Hilbe den Obduktionskittel um. Unerwartete Situationen gehören zu ihrem Arbeitsalltag wie das Mikroskop.

Wie kommt man zu einem solch aussergewöhnlichen Beruf, Frau Hilbe?
Monika Hilbe:
Nach dem veterinärmedizinischen Studium hatte ich die Gelegenheit, meine Doktorarbeit am Institut für Veterinärpathologie zu absolvieren. Da mir dieses Fachgebiet sehr zusagte und ich das grosse Glück hatte, durch meinen Doktorvater gefördert zu werden, konnte ich mich auf dem Gebiet der Veterinärpathologie weiterbilden und spezialisieren. 

Die Pathologie ist ein Fach, welches ein breites Wissen sowie vernetztes bzw. fachübergreifendes Denken erfordert. Welche weiteren Eigenschaften sind mitzubringen, um in der Tierpathologie glücklich zu werden?
Vor allem der Wunsch, den Dingen auf den Grund zu gehen, d. h. ein gutes Mass an Neugierde sowie die Fähigkeit zu besitzen, mit unerwarteten Situationen umgehen zu können. Ebenso Freude an der Arbeit mit Menschen und an der Vermittlung von Wissen, vornehmlich an die Assistentinnen und Assistenten sowie an die Studierenden. Die Arbeit am Mikroskop ist ebenfalls sehr wichtig, da man viele Organe (Histologie) genauer beurteilen muss. Nicht zuletzt braucht man aber auch ein gutes Mass an Flexibilität, denn die Arbeit ist nicht immer planbar, und ein gutes vernetztes Denken, da man für einen Sektionsbericht auch klinische und paraklinische Informationen zusammentragen muss, um einen Fall abschliessen zu können.  

Sind Sie die einzige Veterinärpathologin aus Liechtenstein?
Soviel ich weiss, ja. 

Sie leiten die Abteilung Sektions­diagnostik. Wie sieht Ihr Berufsalltag aus? Arbeiten Sie hauptsächlich alleine oder im Team?
Meine Haupttätigkeit besteht in der Diagnostik und in der Betreuung und Ausbildung der Assistenten sowie Studenten (Lehre). Wir arbeiten im Team, haben Sektionswärter, welche uns im Sektionslokal helfen. Die Sektionen werden von Assistentinnen und Assistenten unter Aufsicht eines erfahrenen Veterinärpathologen durchgeführt. Die Studentinnen und Studenten sind in einem dreiwöchigen Rotationssystem bei uns, lernen die Sektionstechnik und die tierartlich unterschiedlichen Erkrankungen kennen. Die pathologische Untersuchung von verstorbenen oder euthanasierten (eingeschläferten) Tieren ist ein wesentlicher Bestandteil des diagnostischen Services am Institut. Sie dient der Abklärung der Erkrankungs- und/oder Todesursache und beinhaltet die Obduktion mit der makroskopischen sowie histologischen Befunderhebung. 

Wie geht eine solche Untersuchung vonstatten?
Zuerst wird ein Tier identifiziert – z. B. ein Rind über die Ohrmarke oder ein Hund über den Chip –, dann wird es gewogen und gemessen. Bei uns im Sektionslokal können wir Tiere mit einem Gewicht von über 600 Kilo oder unter 10 Gramm haben. Das Tier wird immer nach der gleichen Sektionstechnik untersucht, die Organe werden entnommen und von Auge (Makroskopie) genauer untersucht. Nach der Besprechung können wir je nach Veränderungen unter anderem eine bakteriologische, virologische oder parasitologische Untersuchung einleiten. Die Organe wer­den für ­etwaige weiterführende Untersuchungen in Formalin fixiert und/oder gefroren, anschliessend zugeschnitten und in Paraffinblöcke gegossen. Im histologischen Labor werden dann dünne Schnitte hergestellt, auf Glasobjekträgern aufgezogen und gefärbt. Von diesen Schnitten kann man auch Spezialfärbungen machen, z. B. für den Nachweis von Bakterien oder eine Immunhistologie, d. h. mittels Antikörper Erreger oder Tumorzellen näher charakterisieren.

Wer sind Ihre Auftraggeber?
Unsere Auftraggeber sind die Kliniken des Tierspitals, die auswärtige Tierärzteschaft sowie Privatpersonen. 

Welche Tiere kommen unter Ihrem Seziermesser zu liegen? 
Bei uns kommen alle Tierarten ins Sektionslokal. Wir sezieren ca. 1900 Tiere pro Jahr, vor allem Nutztiere, das heisst Kühe, Schafe, Ziegen und Schweine; Haustiere (Hunde, Katzen); Zootiere (von Schlangen bis Giraffen) und andere Exoten sowie Nagetiere (Ratten, Mäuse usw.). Die Palette ist sehr breit und vielfältig.

Als Laie stellt man sich die vorherrschenden Gerüche beim Sezieren nicht gerade angenehm vor. Schmieren Sie sich auch eine Creme unter die Nase, wie man es aus Kriminalserien kennt?
Nein, mit der Zeit findet man Strategien, die Gerüche auszublenden bzw. es setzt ein Gewöhnungseffekt ein.  

Welches sind die grössten Herausforderungen in der Veterinärpathologie?
Die Bedeutung der Veterinärpathologie für den Tierhalter, seien dies Privatpersonen oder Landwirtinnen und Landwirte, nach aussen zu tragen. Es ist nicht einfach, den Kunden klarzumachen, weshalb ein Tier seziert werden sollte. Die Veterinärpathologie ist wichtig im Bereich der Erkennung von Tierseuchen, um die Prämisse «stable to table» (dt. Überprüfung und Überwachung vom Erzeuger bis zum Verbraucher) aufrechterhalten zu können. Wir helfen durch unsere diagnostische Tätigkeit mit den anderen klinischen und paraklinischen Instituten, die Antibiotikagabe zu reduzieren, Erkrankungen besser zu verstehen sowie zu erforschen. Bei Bestandesproblemen, zum Beispiel in einem Schweinebetrieb oder bei einem Wurf Hundewelpen, helfen wir, die Krankheits-/Todesursache festzustellen und mögliche Behandlungsmöglichkeiten für die noch lebenden Tiere mit den jeweiligen Kliniken bzw. mit der Tierärzteschaft zu erarbeiten. Ebenfalls sind wir immer mehr in der Forensik (Gerichtsfälle) und bei tierschutzrelevanten Fällen (zum Beispiel Wundalterbestimmung) tätig. Die Sektionen sind auch wichtig für die Ausbildung angehender Tierärztinnen und Tierärzte, damit diese die Veränderungen, welche eine Erkrankung hervorrufen kann, erkennen und diagnostizieren können. Nicht zuletzt ist eine Sektion aber als eine Qualitätskontrolle anzusehen. Beim lebenden Tier beurteilen wir Biopsien (Gewebeentnahme am lebenden Tier) und Zytologien (Beurteilung von Zellen am lebenden Tier). Am lebenden Tier geht es zum Beispiel um die Tumorerkennung bzw. seiner näheren Charakterisierung. So kann der Kliniker (Onkologe) eine gezieltere Behandlung (z. B. Chemotherapie) einleiten.

Bestimmt haben Sie schon aussergewöhnliche bzw. skurrile Situationen erlebt ... 
Ja, schon einige ... ich unterliege jedoch der Schweigepflicht.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Die Arbeit an der Universität wird mich hoffentlich bis zur Pensionierung begleiten. (ge)

22. Sep 2019 / 00:00
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