• Adrian Hall-Kranz in Triesen
    Adrian Hall-Kranz fühlt sich in Liechtenstein wohl und blickt sehr kritisch auf die amerikanische Regierung.  (Daniel Schwendener)

«Ich lege Hoffnung in die Proteste»

Eine Amerikanerin, die in Liechtenstein wohnhaft ist, berichtet, wie sie die «schwarze Erfahrung» in den USA erlebte.

Adrian Hall-Kranz wuchs in einer schwarzen Nachbarschaft in der amerikanischen Hauptstadt Washington, D.C. auf. Seit Dezember ist sie mit einem Liechtensteiner verheiratet und in Triesen wohnhaft. Zuvor blieb sie jeweils für die Dauer des Visums entweder in Liechtenstein oder in Wien.

Frau Hall-Kranz, die Proteste in den USA nehmen einfach nicht ab. Woher kommt  Ihrer Meinung nach diese  Unzufriedenheit der schwarzen Bevölkerung?

Adrian Hall-Kranz: Schwarze sind von einem Rassismus, der vom System geschaffen wird, betroffen. Egal ob es um eine Job-, eine Wohnungssuche oder einen Studienplatz an den Universitäten geht – mit einer dunklen Hautfarbe oder mit einem schwarzen Namen hat man schlechtere Karten. Viele Leute sind dessen überdrüssig. Das sieht man an den Protesten.

Wie kann man sich solche alltäglichen Erfahrungen vorstellen?

Diese beginnen bereits bei trivialen Angelegenheiten. Wenn ich in Amerika Kleidung einkaufte, schaute ich, dass ich nicht mit zu vielen Kleidungsstücke in die Umkleidekabine ging. Ich fürchtete mich vor Anschuldigungen, etwas zu stehlen. Als Afroamerikanerin hat man immer im Hinterkopf, dass man eben schwarz und deshalb verdächtig ist. Dass man als schwarze Person eher verdächtigt wird, zeigt sich auch in der jetzigen Diskussion um Polizeigewalt.

Haben Sie solche  persönlich erfahren?

Nein. Wie gesagt, ich versuche, mich unauffällig zu verhalten.  Auch weil ich weiss, was vielen in meinem Umfeld passiert ist. Als mein Bruder mit dem Auto unterwegs war und die Polizei einen Verdächtigen suchte, hielt man ihn an. Dass Schwarze häufiger aufgrund von «Racial Profiling» von der Polizei angehalten werden, ist Fakt. Mein Bruder hatte davon genug, und  anstatt auszusteigen, wie gefordert, weigerte er sich. Die Polizisten fackelten nicht lange. Sie zogen ihn aus dem Auto und schlugen ihn zusammen. 

Protestieren auch Familienmitglieder und Bekannte von Ihnen?

Ja, meine Cousine beispielsweise und viele Freunde. Manche nehmen Videos auf und stellen sie in die sozialen Netzwerke, damit die Welt sieht, was in den USA geschieht. Meine Cousine geht immer morgens hin, weil aufgrund der Proteste in Washington, D.C. eine Ausgangssperre eingeführt wurde. Ein Freund wurde von einem  Benzinkanister im Gesicht getroffen und trug eine Wunde davon. Ich weiss aber nicht, wie das genau geschah. Einige protestieren nicht an vorderster Front, sondern bringen Wasser und Lebensmittel vorbei oder unterstützen die Bewegung  finanziell. 

Die Zeiten der Sklaverei sowie der Jim-Crow-Gesetze, unter welchen die Rassentrennung bestand, sind vorüber. In gesetzlicher Hinsicht sollte also seit Langem Gleichberechtigung bestehen. Wieso ist dies faktisch nicht der Fall?

Die Vergangenheit beeinflusst die Gegenwart. Die Zeitabschnitte, die Sie eben erwähnt haben, betreffen wenige Generationen. Meine Mutter wurde 1963 geboren, als die Rassentrennung aufgeben wurde. Es gab Fortschritte. Das liegt aber daran, dass wir Schwarze uns änderten und seit rund einem Jahrhundert protestieren. Natürlich sind auch Weisse dabei. Bernie Sanders protestierte in der Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre. Amerika hat sich aber im Grundlegenden nicht geändert: Als Teil der Gesellschaft sind wir Schwarze noch immer nicht akzeptiert. Das zeigt sich in der Justiz klar. Schwarze sind überproportional inhaftiert, weil sie für die gleichen Straftaten längere Gefängnisstrafen erhalten.

Was denken Sie über die Plünderungen?

Es gibt immer faule Äpfel. Das sind aber wenige. Es braucht nicht viele Menschen, um sehr viel Chaos anzurichten. 

Wie wohl fühlen Sie sich in Liechtenstein?

Sehr wohl. Hier hat man das Gefühl, dass sich die Regierung um einen kümmert. Das ist während der Coronakrise spürbar geworden. In Amerika war die Reaktion katastrophal. Aber auch das Land selbst und die Landschaft gefallen mir sehr. Was mir besonders gefällt, ist, dass sich Menschen auf der Strasse immer begrüssen. Doch kam ich mir hier als Schwarze zu Beginn beobachtet vor. Mittlerweile hat sich das ein wenig gelegt, denn die Menschen schauen aus Neugier und nicht aufgrund von Rassismus. Ich erhalte Fragen wie «Darf ich deine Haare berühren?», «Bräunst du dich?», «Woher kommst du?». Wenn ich dann aber antworte «aus Amerika» und nicht «aus Afrika», sind die meisten enttäuscht (lacht). Das ist aber okay so. Ich kriege somit die Möglichkeit, den Menschen etwas beizubringen. 

Glauben Sie, dass die  Proteste etwas bewirken?

Ja, ich hege grosse Hoffnung. Normalerweise flachen Proteste nach drei, vier Tagen ab. Die jetzige Situation ist aussergewöhnlich. Es betrifft ja auch nicht nur wenige Städte, sondern es wird in jedem Bundesstaat protestiert sowie vielerorts weltweit. (Interview: dab)

05. Jun 2020 / 22:41
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1 KOMMENTAR
BLM, Spielball der Extremen
Wenn BLM sagt, dass die "weissen" die "schwarzen" systematisch unterdrücken und missbrauchen, kann ich mir nicht vorstellen wie man überhaupt an Lösungen denken kann.
Diese Sichtweise hindert einen konstruktiven Diskurs.
Diese Prämisse legt die "weisse" Gesellschaft in Generalverdacht.
Alle sind Rassisten, per se.
Jegliche wahrgenommene Ungerechtigkeit (wieso bekomme ich diesen Job nicht?) wird als Ausdruck des systematischen Rassismus erkannt.
Die "weisse" Mehrheit trägt diese Schuld in ihrer DNA und kann sich nicht durch Schuldeingeständnisse befreien, auch wenn Sie alles tut um den aufgebrachten Mob zu beruhigen. (weltweite Solidaritätsbekenntnisse etc.) Ausser eben allen Forderungen nach zu gehen, welche absurder nicht sein können.

Mittlerweile sind 11 Menschen durch die Proteste ermordet worden.
Sind denn "jegliche Mittel" recht um seine politischen Forderungen geltend zu machen, oder sind dass einfach diese "faulen Äpfel?"
lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet 07.06.2020 Antworten Melden

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