• Lukas Hässig
    Lukas Hässig: «Es ist immer der einfachere Weg, zu behaupten, dass die Verwaltungsräte nichts wussten.»  (René Ruis)

Vincenz-Affäre: «Wusste die Bank mehr?»

Gegen Pierin Vincenz, den ehemaligen CEO der Raiffeisen wurde auch in Liechtenstein ermittelt. Investigativ-Journalist und Raiffeisen-Kenner Lukas Hässig von «Inside Paradeplatz» spricht über die vergangenen drei Jahre, seitdem er den Skandal öffentlich machte.

Herr Hässig, wird die Zürcher Staatsanwaltschaft Anklage gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef, Pierin Vincenz, erheben?

Lukas Hässig: Der von Raiffeisen vergangene Woche veröffentlichte Gehrig-Bericht untermauert, dass alles dafür spricht. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Kriminalbehörden nach ihren Ermittlungen und der Öffnung von Konten auf strafrechtlich relevante Sachverhalte stossen, die zu einem Prozess führen. Die Frage ist nur wann. Für mich ist klar, dass die Staatsanwaltschaft eine Gefängnisstrafe fordern wird. Ein Richter wird dann entscheiden müssen.

Der Staatsanwalt in Liechtenstein bestätigte gegenüber «Wirtschaft regional», dass auch hierzulande ermittelt wurde. Was wissen Sie darüber?

Beat Stocker war an einer Liechtensteiner Aktiengesellschaft mit Bankkonto in Vaduz beteiligt, von der aus Geld an Pierin Vincenz in die Schweiz privat überwiesen wurde. Die erste Frage ist natürlich, um welche Gelder es sich handelt und aus welcher geschäftlichen Zusammenarbeit diese stammen. Und die zweite Frage ist, warum benötigte Stocker dafür ein Konto in Liechtenstein? Warum wurde kein Konto bei der Raiffeisen eröffnet?

Sie glauben an eine Ausweitung der Strafuntersuchungen im Zusammenhang mit Übernahmen während der Ära Vincenz. Worauf basiert Ihre Vermutung?

Die derzeitigen Untersuchungen der Zürcher Staatsanwaltschaft dürften nur die erste Welle darstellen. Ich gehe davon aus, dass die Untersuchungen schrittweise ausgeweitet werden. Diese Vermutung basiert auf meinen Recherchen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Raiffeisen muss 300 Millionen Franken abschreiben aus der Ära Vincenz und will dieses Geld nun zurückfordern. Ist das utopisch?

Es wird sicher schwierig werden, von den Verantwortlichen Geld zurückzuholen. Dies müsste über sogenannte Verantwortlichkeitsklagen geschehen. Es wird wahrscheinlich eine Versicherung zum Handkuss kommen: Manager und ihre Arbeitgeber schliessen oft Versicherungen ab, die bei Pflichtverletzungen für Vermögensschäden aufkommen. Bei einzelnen Verwaltungsräten und Pierin Vincenz selbst, die man direkt belangen könnte, ist die Frage, ob überhaupt etwas zu holen ist. 

Wie konnte der Verwaltungsrat der Bank über Jahre hinweg so blind sein?

Die erste Frage ist immer, wusste die Bank vielleicht mehr? Es ist immer der einfachere Weg zu behaupten, dass man nichts wusste. Es gibt dann zwei Möglichkeiten: Entweder werden die Verwaltungsräte als unfähige Trottel hingestellt oder man bekommt es stattdessen mit dem Strafrichter zu tun. Bei diesen zwei Optionen ist klar, dass sie sich lieber für die erste entscheiden und lieber zum Gespött der Nation werden.

Sie glauben, dass der Verwaltungsrat aus zu schwachen Figuren bestand, die gar nicht in der Lage waren ihre Funktion zu erfüllen. Warum?

Es scheint kaum Grenzen und kaum Kontrolle gegeben zu haben. Der Verwaltungsrat liess es zu, dass die Bankführung Geld verjubelte. Schwache Verwaltungsräte sind aber ein grundsätzliches Problem. Ich glaube, wir unterschätzen die Bedeutung der Verwaltungsräte. Sie sind enorm wichtig für die oberste Führung und Governance eines Unternehmens. Es ist die gesetzliche Aufgabe des Verwaltungsrats, seine Aufsichtspflicht gegenüber der Geschäftsleitung wahrzunehmen. Wer das nicht tut, macht sich strafbar. Obwohl Mandate in der Schweiz recht gut bezahlt sind, machen sie ihren Job nicht. Raiffeisen ist dafür ein Parade­beispiel. Der Verwaltungsrat der Raiffeisen während der Ära Vincenz bestand hauptsächlich aus Politikern, Bauernvertretern und anderen schwachen Figuren mit wenig ausgeprägtem Fachwissen. Ob sie im Einzelfall gut oder schlecht waren, das kann ich nicht beurteilen. Als Gremium haben sie versagt, Pierin Vincenz zu kontrollieren. Das haben wir in den Berichten der Finanzmarktaufsicht und von Herrn Gehrig gehört.

Seitdem Sie den Skandal aufgedeckt haben, sind Sie zum «Journalisten des Jahres» gewählt worden. Was hat sich für Sie konkret verändert seit der Affäre Vincenz?

Vor drei Jahren konnte ich in diesem Krimi erste Artikel schreiben – zu den Transaktionen und zu den Geld-­strömen, die heute von den Behörden untersucht werden. Es ging sehr lang, bis etwas passiert ist. Ich habe mich in dieser Zeit sehr einsam gefühlt. Der Preis freut mich nicht nur, er hilft mir auch bei meiner Arbeit, weil man nicht einfach nur als «dummer Siech» dasteht, der alle fertigmacht.

Sie stossen bei Ihrer Arbeit auch immer wieder auf Kritik. Berufskollegen bezeichnen ihre Arbeit zum Beispiel als einseitig oder als pseudokritischen Alarmismus. Wie gehen Sie damit um?

Grundsätzlich bin ich gerne kritisch und es kann gut sein, dass ich für manche zu laut und zu übertrieben bin. Damit muss ich leben. Weniger gut einordnen kann ich es, wenn etwas falsch ist. Das ist mir auch schon passiert. Oder wenn es zumindest so aussieht, als wären die Informationen falsch. Dann hat man keine guten Karten.

Tut es Ihnen trotzdem weh, wenn zum Beispiel die «Handelszeitung» die Zusammenarbeit mit Ihnen aufgrund fehlerhafter Berichterstattung beendet?

Ja, das tut weh. Das ist ein Einschnitt – auch ökonomisch. Mit zunehmender Intensität der Affäre Vincenz kam es dazu, dass Türen zugegangen sind. Ich bin ein Mensch, der in solchen Situationen sehr emotional reagiert. Es wird sich zeigen, ob es der richtige Entscheid war oder nicht.

Eine Abschlussfrage: Welche journalistischen Prinzipien sind für Sie bei Ihrer Arbeit unverzichtbar?

Im Fall Vincenz war ich froh, dass ich überhaupt einen Schritt vorwärts kam. Ich finde es wichtig, dass man bei den Mächtigen hart ist. Für mich ist es ein wichtiges Prinzip des Journalismus,  die vierte Gewalt möglichst gut wahrzunehmen. Es ist wichtig, dass wir Journalisten die Bedeutung unseres Berufes sehen. Das bedingt aber auch, dass wir eine gewisse Zeit in diesem Beruf arbeiten.

Interview: dal

Zur Person

Der 54-jährige Lukas Hässig betreibt das Portal «Inside Paradeplatz». Sein Nachrichtenportal über den Schweizer Finanzplatz ist inzwischen bekannt für seine Enthüllungen. 2013 deckte Hässig die 72 Millionen-Franken-Abgangsentschädigung für den damaligen Novartis-CEO Daniel Vasella auf. Erst diese Woche wurde er von seinen Berufskollegen aufgrund seiner Leistung bei der Aufdeckung der Affäre Vincenz zum «Journalisten des Jahres» gewählt. Am Montag wurde ihm der Preis überreicht.

02. Feb 2019 / 15:00
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
Meistgelesen
19. Juli 2019 / 19:35
19. Juli 2019 / 15:40
20. Juli 2019 / 03:01
17. Juli 2019 / 10:00
Aktuell
20. Juli 2019 / 04:01
20. Juli 2019 / 03:01
19. Juli 2019 / 19:35
19. Juli 2019 / 15:45
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...

Wettbewerb
hierbeimir_Logo_basic
Zu gewinnen ein Gutschein im Wert von 20 Franken von hierbeimir
18.06.2019
Facebook
Top