• Jana Riedmüller  ist als Kommunikationsberaterin in Zürich, Berlin und Vaduz tätig.
    Jana Riedmüller ist als Kommunikationsberaterin in Zürich, Berlin und Vaduz tätig.

Political correctness?

Political correctness» ist ein Begriff, den heute keiner mehr hören kann. Die Menschen sind es leid, alles in «politisch korrekten» Worten zu hören oder ausdrücken zu müssen. Angefangen bei der fast schon zwanghaften und sich zunehmend abgetragenen Unterscheidung von männlichen und weiblichen Begrifflichkeiten. Umgehungsversuche überall: «Um den Lesefluss zu erleichtern, werden Begriffe, die sowohl in weiblicher als auch in männlicher Form existieren, meist nur in einer der Formen aufgeführt.» Und schon ist das Thema «liebe Hörerinnen und Hörer an den Lautsprecherinnen und Lautsprechern» (Peter Schneider) geschickt umgangen.

Viele neue Worte, ja Wortgruppen, sind entstanden, «Menschen mit Migrationshintergrund», «Menschen mit unterschiedler sexueller Neigung» usw usf. Als Gegenentwurf steht das verbreitete «Duzis», der Versuch, schnell Nähe zu Fremden herstellen und der «political correctness» damit ausweichen zu können. «Du Idiot» sagt sich eben schneller als «Sie Idiot».
Und da liegt wohl auch des Pudels Kern. Die Menschen wollen ihre Gefühle und Gedanken auf einfache Art ausdrücken können. «Politisch korrekte» Kommunikation ist inzwischen tatsächlich politisch geworden und führt immer mehr zu Missverständnissen und im Zweifel zu Schweigen. Weil diese «neue» Sprache nie gelehrt wurde, trauen sich viele nicht mehr, den Mund aufzumachen, weil sie sich fürchten, verpönt oder in eine (politische) Schublade gesteckt zu werden. Die Folge ist die «Faust im Sack». Denn es ist leichter zu schweigen, als sich im Reden zu mässigen. Dabei ist Schweigen eine gefährliche Waffe. Sie erst führt zum «Wutbürger», der sich nicht verstanden, nicht ernstgenommen fühlt. Ein gefährliches Spiel, wie jüngste Bespiele zeigen (Brexit, Trump etc.) Wer sich nicht verstanden fühlt, stimmt eben entweder «mit den Füssen» (fernbleiben, weggehen) oder einer Wutbotschaft in der Wahlurne ab. Und es kam gerade in jüngster Zeit nicht selten vor, das Reue der Abstimmung in Wut oder «mit den Füssen» folgte. «So war das ja nicht gemeint.»

Aber alles hat seine Kehrseite. «Political correctness» hat einen höchst sensiblen und friedenstiftenden Wert. In den Dreissigerjahren haben auch die plakativen und hetzerischen «knackigen» Wortsalven – eben die sehr direkte und einfache Sprache – zu für Europa und die ganze Welt verheerenden Folgen geführt. Political correctness sollte insbesondere in den Nachkriegsjahren vermeiden, dass Menschen beleidigt oder provoziert werden. Weltweit herrschte darüber eine mysteriöse Einigkeit. Aber sie hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt zu einer praktisch nicht mehr verständlichen, ja fast schon abgehobenen Sprache. Das führt dazu, dass sich viele Menschen davon abgrenzen, nichts mehr verstehen, mit der «besseren Sprache» nichts mehr zu tun haben wollen. Und wenn nun jemand kommt, der eine «normale», einfache, ihre Sprache spricht, fühlen sie sich ernst genommen. Aber was, wenn dieser «Jemand» ein Tyrann, ein Diktator, ein Narr ist? Der mit Sprache gewinnt statt mit Inhalt?

So ist und bleibt die Kommunikation einmal mehr die grosse Herausforderung. Es wird Zeit, dass wir uns Gedanken machen, wie wir in Zukunft miteinander reden wollen und wie viel Zeit wir darin investieren. Es braucht eine Sprache, die beides bedient: Die uns befähigt, allfällige Wut oder Aggressionen artikulieren zu können, ohne anzugreifen oder angegriffen zu werden. Eine Sprache, die es uns ermöglicht, aufeinander zuzugehen, die auf Augenhöhe stattfindet: Politiker, die «einfache» Bürger ernst nehmen, ihnen zuhören, nachfragen, wenn sie etwas nicht verstehen, wirkliches Interesse zeigen. Aber auch Bürger, die die teils riesige Verantwortung der im Grunde ebenso «einfachen» Politiker verstehen lernen.

Fragen sind dabei sehr hilfreich. Was bewegt Dich? Was sind Deine Bedürfnisse? Wie können wir eine Einheit bilden oder mindestens einen Krieg verhindern? Wort um Wort; ehrlich und verständlich. Das ist zweifelsfrei sehr anstrengend. Aber es ist einen Versuch wert, bevor wieder Bomben fallen.  

27. Jan 2017 / 17:42
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