• Young woman relaxing with her car.
    Gemütliches Entspannen in den Ferien gibt es noch nicht lange.  (fotomy)

Ferien, bitte. Aber wozu?

Zwischen der Schaufel voll Kohle bis zu den Badelatschen im Sand hat sich einiges getan. Ferien und Reisen sind heute zweifelsohne nicht mehr weg zu denken, doch war das früher keine Selbstverständlichkeit.

Bier am Ballermann, Familienresort in der Türkei, mit dem Rucksack durch Irland, Städtetrip nach New York oder Selbstfindungsreise in Tibet – Ferien sind omnipräsent, was nur schon die Vielfalt an Möglichkeiten zeigt. Fotos werden gepostet, Hashtags getwittert, ab und zu sogar noch eine Postkarte verschickt oder Eindrücke im Reisetagebuch festgehalten. Vielleicht gar ein paar Drohnenaufnahmen für das YouTube-Video gemacht, das man mit Familie und Freunden teilen kann. Egal, wie man seine Ferien verbringt, für die meisten ist es ein ersehnter Unterbruch des Alltags und essenzielles Pendant zur Arbeit geworden.

Nicht nur, um Auszuruhen und neue Kraft zu schöpfen – das Reisen hat besonders in den vergangenen Jahren einen persönlichen Charakter erhalten, indem auf Wunschdestinationen hingearbeitet und das Reisen als Bildung des Selbst betrachtet wird. Doch dies war nicht immer so. Die Bedeutung von Ferien hat sich über die Zeit  nachhaltig verändert. Ein Name, der bei einer Recherche schnell über den Weg läuft, ist der des Basler Arztes Adolf Haegler: Nebst seiner Beschäftigung mit den damaligen Volkskrankheiten war er Sozialreformer und ging der Frage nach, wie ein Mensch «seine Gesundheit und Lebenskraft erhalten könne». So wird beflissentlich Tagebuch geführt über die Ferien in der Normandie, um die Auswirkungen festzuhalten, die vielleicht sogar positiv sein könnten. Haegler war einer der ersten, die einsahen, dass Ferien nicht nur sinnvoll, sondern zwingend nötig waren.

Die Basler Historikerin Beatrice Schumacher hält bei der Auseinandersetzung mit der damaligen Situation fest, dass es so anscheinend kein natürlich gegebenes Verlangen nach Ferien gegeben habe. Trotzdem muss es an einem gewissen Punkt ein Wandel im Denken gegeben haben und dazu noch stetig wuchs: Ferien sind heute fester Bestanteil der jährlichen Routine sind. Dieser Umbruch fand als sozial-medizinische Debatte im 19. Jahrhundert statt.

Neues Bedürfnis nach Ferien
Obwohl der Ball erst deutlich später ins Rollen Richtung Palmen, Resorts und Pina Colada am Strand kam, waren Feiertage auf eine gewisse Weise immer schon vorhanden. Nur waren diese nicht für die Erholung gedacht, sondern vielmehr zur Praktizierung des Glaubens am feierlichen Sonntag. Eine erste Bedeutung des Begriffs «Ferien» bezeichnet Festtage oder Feste, wobei im Mittelalter und der Neuzeit die Unterscheidung zwischen verschiedenen Feiertagen, an die das öffentliche Leben angeknüpft war, dazukamen. Schliesslich wurde im 19. Jahrhundert der Begriff Ferien als Synonym oder in Kombination mit dem Begriff «Urlaub» verwendet, was die Bedeutung einer Erlaubnis zu gehen hatte und somit die Arbeitsunterbrechung von Berufstätigen bezeichnete und noch weit weg von dem heutigen Verständnis war. Mit der Ausbreitung des Christentums war die «6-Tage-Arbeitswoche» ein immer häufiger anzutreffendes Modell der Lebenszeitgestaltung: Schon die Bibel ermahnte «Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun, am siebten Tag aber sollst du ruhen.» Doch besonders die Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert gilt als Wendepunkt für die Entwicklung der Ferien, da die Menschen plötzlich gezwungen waren, mehr und länger zu arbeiten.

Verschlechterte Zustände
Im Zuge dessen wurden die wenigen Feiertage, die man hatte, abgeschafft, teilweise sogar der Sonntag. Es wurde nicht auf die Auswirkungen auf die Gesundheit geachtet und auch wenn man früher ausnahmsweise frei hatte, wurde die Zeit mit Sicherheit anders als heute verbracht: Man half auf einem Bauernhof aus, arbeitete im Garten oder besuchte Verwandte. Rückblickend ist es schwer vorstellbar, jedoch hielt diese Misere nicht ewig an. Da die Geschichte der «Ferien» stark mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung zusammenhängt, verbesserte sich die Situation gegen Ende des 19. Jahrhunderts stark.
Veränderungen in den Produktions- und Arbeitsweisen sowie neue Vorstellungen von Gesundheit und Erholung, aber auch die Entwicklung des Wohlstandes und des Tourismus waren somit massgebend. So fand ein Prozess der Ausgliederung eines als rein privat geltenden Lebensbereichs statt, dies bildete die Grundlage der Verankerung eines Ferienanspruchs im öffentlichen Recht. Doch wie es so oft der Fall ist, war dieser Prozess alles andere als gleichmässig, es kam rasch zu einem Bruch zwischen Ober- und Arbeiterklasse. So galt die 1879 erlassene ferienrechtliche Bestimmung des Bundes nur für Beamte, in der Privatwirtschaft gab es bis zum Ersten Weltkrieg kaum arbeitsvertragliche Ferienregelungen. Hier kamen auch Unterscheidungen je nach Branche in der die Arbeiter tätig waren dazu, was in einer klaren Trennung entlang der Arbeitshierarchie resultierte. Dies ging soweit, dass Arbeiter kaum Anspruch auf Ferien hatten, während die Mehrheit der Angestellten bereits ferienberechtigt waren.

Unzufriedenheit führt zu Streik
Dieses zunehmende Ungleichgewicht führte 1918 schliesslich zu einem Landesstreik mit Forderungen nach dem Achtstundentag und geregelten Ferien. So waren die Regelungen in der Zwischenkriegszeit grundsätzlich besser, wenn auch noch lange nicht fair, jedoch kippte dies mit dem Zweiten Weltkrieg erneut. Im Ausnahmezustand waren Ferien wohl das Letzte, an das gedacht wurde. Doch die Nachkriegsjahren schwemmten viele sozialen Reformen an, durch die der Grundanspruch von zwei Ferienwochen für alle Arbeitnehmer endlich eingeführt wurde. In den Folgejahren gab es ein regelrechtes Hin und Her, so wurde in den 1980er Jahren die Ferienzeit bis auf fünf Wochen angehoben, aber mit der Teilrevision des Obligationsrechtes von 1983 wieder auf vier Wochen reduziert, was bis heute grundsätzlich den gängigen Standard darstellt. Rechtlich betrachtet sind Ferien zwar klar definiert, hinzu kommen aber sozialkulturelle Merkmale und ein grundlegend anderes Verständnis von Freizeit. Ferien sind längst nicht mehr nur eine freie Zeit, die als Gegenstück zum Arbeitsalltag gesehen wird. Sie sind Resultat einer zunehmenden Mobilität, verbesserter Bildung und den verbreiteten Wohlstand. Zudem ist der Trend der Individualisierung ein wichtiger Katalysator für die Entwicklung des Urlaubs. Doch wie wird die lang erkämpfe Möglichkeit auf Ferien heute genutzt?

Wie geht Urlaub heute?
Auf der einen Seite sind die allseits beliebten Destinationen: «Dauerbrenner sind ganz klar Griechenland, Italien und Spanien. Familien schätzen Badeferien in nahen, warmen und sicheren Orten», erklärt Yannick Oberhofer, Geschäftsführer von Jojo Reisen. Aber auch Schiffsreisen oder längerer Reisen an die Westküste der USA, insbesondere Kalifornien, sind gut vertreten meint Oberhofer. Auf der anderen Seite «sind die Leute auch deutlich abenteuerlicher geworden. Vor allem junge Pärchen suchen den Kick beim Dschungel-Trekking, bei einer Safari oder beim River-Rafting», so Christian Granwehr vom Reisebüro Buchs.
So vielfältig die Reisemöglichkeiten sind, betont Yvonne Walser vom Reisebüro Tödi in Mels «Etwa 50 Prozent möchten ganz gewöhnliche Badeferien, die andere Hälfte bevorzugt es individueller und will das Land mit einem Mietwagen auf eigene Faust entdecken». Auch wenn immer mehr werdende Entscheidungsmöglichkeiten und Freiheiten einen gewissen Entscheidungsdruck bewirken können, ist der Wunsch gross, sich selbst ins Zentrum eines kleinen Abenteuers zu stellen – als Flucht aus dem Arbeitsalltag. In den Wohlstandsgesellschaften sind Ferien zur persönlichen Aufgabe nach Sinnsuche geworden. Fernweh wird gross geschrieben, man will die Welt sehen!

07. Jul 2018 / 06:00
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